Dass es bei den Amis gerade eine größere Diskussion über die Änderung von deren Gesundheitssystem gibt, hat sich ja inzwischen auch in Deutschland rumgesprochen. Nun, mir kommt es so vor, als würde es in den USA gerade eine Bewegung geben, das Gesundheitssystem zu etwas in Richtung des Unsrigen zu machen, weil zumindest große Teile der Bevölkerung sehen, dass es so vielleicht doch besser ist, während es in Deutschland eher in Richtung USA zu gehen scheint – mehr private Krankenversicherungen, verschiedene Leistungen (Brille, Zahnersatz) werden nicht mehr übernommen, etc. Das ist toll. Während die USA – der Inbegriff des Kapitalismus – langsam dazulernt, beginnen wir, dümmer zu werden.
Nun, wie komme ich auf dieses Thema. Ich folge dem YouTube-Kanal von John Green. Und dieser machte vor Kurzem ein Video zum Thema amerikanisches Gesundheitssystem. Amerikaner haben – anders als wir Deutschen – nicht so viele Skrupel, Dinge so zu sagen wie sie sind. Das mag daran liegen, dass die Meinungsfreiheit in den USA uneingeschränkt gilt, oder einfach daran, dass man hier hauptsächlich von bekannten Leuten aus den USA hört, die es sich – ähnlich wie bei uns Dieter Bohlen – leisten können, zu sagen was sie denken.
Wie dem auch sei, nach diesem Video zu urteilen sind grundsätzlich die Argumente in den USA die gleichen wie hier. Überraschung! Nun, da gibt es die, die meinen, sie wollen keinen Sozialismus – warum eigentlich nicht? Klar, wegen dem kalten Krieg, den wir so glorreich gewonnen haben. Kann ja nicht sein! Oder wie Volker Pispers es ausdrückt: “Hier haben fast alle Leute alle Zähne im Maul. Das ist doch diese typische sozialistische Gleichmacherei.“
Und dann gibt es eben die Leute die den Kern der Frage sehen: Ist Gesundheit ein Recht oder ein Privileg? Ist es etwas, das man sich verdienen muss, oder etwas, das man einfach so haben sollte? Nun, wenn ich mir die Menschenrechte so anschaue, handelt es sich dabei – zumindest nach meiner Interpretation – um ein Grundrecht. Ich weiß nicht, wie es in den USA ist, aber das überlasse ich den Amerikanern. In Deutschland finde ich, das Gesundheitssystem sollte staatlich sein und bleiben. Auch wenn das purer Sozialismus sein sollte. Eine Meinung die ich um Übrigen nicht teile. Im gleichen Atemzug könnte man argumentieren, Steuern wären generell Sozialismus, immerhin zwingt der Staat seine Bürger, diese zu bezahlen, um Dinge zu tun, von denen eventuell nicht jeder unmittelbar in dem Verhältnis profitiert, in dem er gezahlt hat. Aber dass der Staat für das Wohlbefinden seiner Bürger sorgt, nun, das ist der Sinn des Staates, wozu sonst haben wir sonst einen Staat? Ich sehe nicht, was das mit Sozialismus zu tun haben soll. Es ist ein Einzelaspekt der von der Grundidee her an Sozialismus erinnert. Aber die Grundidee der sozialen Marktwirtschaft ist doch gerade, ein Gleichgewicht zu finden, aus dem Bewusstsein heraus, dass die “reinen” Formen bisher nie gut funktioniert haben – zumindest habe ich das in der Schule so gelernt.
Ich neige außerdem zu der Meinung, eine private Krankenversicherung kann nicht wirklich funktionieren. Sinn einer Versicherung ist es, Sicherheit zu kaufen. Eine Versicherung funktioniert nur dann, wenn die meisten Leute sie letztendlich niemals brauchen. Die Philosophie ist, dass Viele den Schaden bezahlen, den Wenige verursachen (eingedenk der Tatsache, dass theoretisch jeder ihn verursachen könnte). Bei einer privaten Versicherung ginge die Tendenz aber zwangsläufig dahin, dass letztendlich doch jeder den Schaden zahlt, den er selbst verursacht. Das mag nach den modernen egoistischen Standards “fair” klingen, aber es ist schlichtweg nicht der Sinn einer Versicherung.
Nein, es sollte eine große, staatliche Krankenversicherung geben, die jeder bezahlen muss. Dass es Zusatzversicherungen für spezielle Zwecke geben kann, meinetwegen. Dagegen habe ich nichts. Aber von der Krankenversicherung darf es keine Ausnahmen geben.
Immerhin, noch ist das deutsche Gesundheitssystem weitestgehend annehmbar, und ich will, dass das so bleibt.
Ja, es gibt Lebensstile, die eher zu Krankheiten führen, als andere. Und so gab es schon Diskussionen, dass übergewichtige Menschen mehr bezahlen sollen als normalgewichtige. Aber mit dieser Diskussion braucht man garnicht anzufangen, die führt zu nichts. Lassen wir die Personen mehr zahlen, die zu viel essen, könnten wir auch die Personen zahlen lassen, die zu viel Sport treiben – denn Sportverletzungen sind ebenfalls keine Seltenheit. Dann die Raucher und Säufer. Dann die Leute, die um ihr Gewicht zu halten hungern, da diese Leute bisweilen psychische Probleme erleiden. Und und und. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man irgendeinen Lebensstil findet, der gesundheitlich einwandfrei ist. Und genau deswegen sollte man diese Diskussion gleich von Anfang an lassen. Bei einer allgemeinen staatlichen Krankenversicherung würde dies einfach nicht funktionieren.
Private Krankenversicherungen hingegen leben davon, solche Abschätzungen zu machen. Man kann es ihnen nicht einmal verübeln. Sie sind unter Preisdruck. Wenn eine Versicherung eine Risikogruppe zu gleichen Konditionen annehmen will, muss sie eine Gruppe mit geringerem Risikofaktor teuerer versichern. Dann kann aber eine andere Versicherung, die sich auf Gruppen ohne Risikofaktor spezialisiert, diesen ein billigeres Angebot anbieten. Was letztendlich darauf hinausläuft, dass Menschen mit Vorbelastungen garkeine oder nur eine sehr teuere oder eingeschränkte Versicherung bekämen. Und das betrifft nicht nur vermeintlich “selbstverschuldete” Risikofaktoren wie Übergewicht oder Sport. Es gibt angeborene Krankheiten, erbliche Krankheiten, Allergien, andere Veranlagungen. Behinderte und Schwerbehinderte hätten keinerlei Möglichkeit. Was besonders pervers ist, denn Schwerbehinderte haben auch kaum eine Möglichkeit, durch Arbeit so viel Geld zu erwirtschaften, dass sie sich eine bessere Behandlung eigenständig leisten könnten.
Sieht so wirklich die Welt aus, in der wir leben wollen? Alle Leute die nicht perfekt sind werden der “Fairness” halber ins Abseits gestoßen? Ist es nicht besser, seinen persönlichen Egoismus zu vergessen, ein wenig von seinem eigenen Luxus abzugeben, und zu wissen, dass andere Leute davon erheblich mehr profitieren, als man selbst es würde? Nennt mich ignorant, aber ich bevorzuge einen Sozialismus der mich zwingt, Schwächere mitzutragen, als einen freien Kapitalismus, in dem es keinen Platz für Schwache gibt. Ich habe nur den Eindruck, in Deutschland hätte man noch vor gar nicht allzu langer Zeit diesen Spagat recht gut hinbekommen. Ich habe nie wirklich verstanden, warum alle Leute das Gesundheitswesen unbedingt reformieren wollten. Am Geld kann es nicht liegen – zumindest glaube ich das nicht.