„Aufgrund unserer Verspätung verzögert sich die Weiterfahrt um weitere 7 Minuten“

„Aufgrund unserer Verspätung verzögert sich die Weiterfahrt um weitere 7 Minuten“ – dies war der Satz, den ich heute in der lieblichen Regionalbahn, die mich in Richtung Heimat fahren sollte, hören musste.

Vielleicht fange ich lieber mal am Anfang an: Hauptbahnhof. Ich bin etwas mehr als eine halbe Stunde zu früh da (das ist gut so, da kriegt man für gewöhnlich wenigstens noch einen gescheiten Platz im Zug), und ganz verwirrt, denn der Zug, der eigentlich eine Stunde früher als meiner losfahren sollte, ist noch da. Von irgendwoher schallt das Wort „Lokschaden“. Ja mei, denk ich mir, gehe ich vielleicht gleich in den Zug, wenn er schon da ist, er wird ja vermutlich bald losfahren. Als ich mich diesem Zug dann näherte, sah ich allerdings, dass dieser bereits total überfüllt war – bis zu den Türen quoll Menschenmasse heraus, und ein Bahnangestellter war darum bemüht, diese überquellende Masse doch noch irgendwie in den Zug zu quetschen, damit dieser nun endlich losfahren kann. Ich entschied mich also, lieber zu warten – mein Zug würde schon pünktlich fahren – zwei Lokschäden am selben Tag, auf der selben Linie – zu unwahrscheinlich.

Nun, mein Zug kam schließlich auch an – allerdings musste wegen der Verspätung von dessen Vorgänger ein anderer Zug auf dem Gleis halten, wo mein Zug hätte halten sollen, und somit musste ich zum Bahnsteig gegenüber. Im entgegen meiner Gewohnheit wohltemperierten und sogar nur mäßig nach Urin und Alkohol riechenden Zug angekommen setzte ich mich auf einen Sitz im oberen Stockwerk – es ist einer dieser Doppeldecker, ich nenne solche Züge gerne Sardinenbüchsen – und stellte mein Gepäck auf den sich neben mir befindenden Sitz, denn auf sinnvolle Gepäckablagen, die nicht nur dem Zweck dienen, sich beim Aufstehen Kopfverletzungen zuzuziehen, muss man in diesen Zügen leider verzichten.

Bis zur fahrplanmäßigen Abfahrtszeit füllte sich dieser Zug, allerdings weniger als sonst, vermutlich ist doch ein Großteil der Personen bereits mit dem verspäteten vorherigen Zug gefahren. Warum auch nicht? Wenn man keine Klaustrophobie hat, und mit wenig Sauerstoff auskommt, spricht wohl nichts dagegen. Als der Zeitpunkt der geplanten Abfahrt dann erreicht war, eine Durchsage – irgendwas von Wegen voraussichtlich 5 Minuten verspätung und „Lokschaden“. Sehr erstaunlich. Ein Zufall? Keine Ahnung. Nun, die Verspätung war dann tatsächlich nicht mehr als 5 Minuten – nicht Besorgniserregend, Verspätungen dieser Größenordnung sind bei der Bahn ja normal.

Und so fuhren wir also nichtsahnend los, einige Bahnhöfe lang. Dann plötzlich fuhr der Zug nicht weiter. Unruhe machte sich breit. Was ist das Problem? Eine Durchsage erschallte… „Aufgrund unserer Verspätung verzögert sich die Weiterfahrt um weitere 7 Minuten“. Nun, ich will jetzt mal die allgemeine Reaktion der Passagiere des Zuges auf diese Durchsage nicht weiter kommentieren. Was war der Grund? Der Grund ist für einen normalsterblichen Menschen nicht nachvollziehbar, für Bahnangestellte aber scheinbar nichts ungewöhnliches: Ein ICE musste uns überholen. Und der braucht dazu freilich seine 7 Minuten. Schon klar.

Was solls – dann sind es eben… 12 (?) Minuten Verspätung? Nun, nein, es waren zu dem Zeitpunkt nur 10 – immernoch nichts besorgniserregendes für mich – auch mit solchen Verspätungen habe ich meinen darauffolgenden Anschlusszug meist noch erreicht – ich spekulierte dabei darauf, dass der Zug auf einem Zwischenbahnhof 5 Minuten Aufenthalt hat, die er normalerweise bei Verspätungen auslässt. Dies war diesmal leider nicht der Fall, zumindest habe ich davon nichts mitbekommen. Der Aufenthalt war zumindest sehr lange, ob er die vollen 5 Minuten dauerte, weiß ich nicht.

Nun, die Stimmung war freilich bereits gedämpft – aber die Bahn muss natürlich noch einen draufsetzen, nein, es reicht nicht, dass ein ICE uns überholt, es muss noch ein zweiter kommen. Jegliches Verständnis, um das die Bahn einen ja gerne bittet, war damit natürlich im Keim erstickt, und die arme Schaffnerin musste viele dieser lieblichen kleinen Kärtchen mit den Bahn-Beschwerdeadressen verteilen – ich beschwere mich nicht mehr bei der Bahn – ich verlange meistens Geld das mir ggf. wegen Verspätungen zusteht, selbst wenn es nur kleinbeträge sind – aber beschweren nützt nichts. Entweder man bleibt so lange in der Warteschlange stecken, bis die Gebührenpflichtige (!!!) Beschwerdehotline den Rabatt, den man ggf. bekommt, wieder ausgeglichen hat, oder man bekommt dämliche Standard-Antworten per E-Mail. Aber gut, die anderen Leute dürfen das ja gerne tun.

Irgendwann im Laufe der Fahrt erfuhren wir dann, dass die Verspätung nun noch 14 Minuten beträgt (wie auch immer das zustande kam), und dass wir rechtzeitig erführen, ob wir unsere Anschlusszüge noch erreichen.

Ca. eine halbe Stunde vor der regulären Ankunftszeit entschloss ich mich dann allerdings, nicht mehr warten zu wollen – meine Intuition sagte mir, dass ich den Anschlusszug nicht mehr erreichen werde, und dementsprechend rief ich meine Mutter an, sie solle mich doch bitte an dem Zwischenbahnhof abholen, da ich keine Lust hatte, dort eine Stunde lang zu warten – dies tat sie dann auch. Ca. Fünf Minuten vor der letztendlichen Ankunft dann die Durchsage „der Anschlusszug konnte leider nicht warten, wir bitten um Ihr Verständnis“ – nein, für so viel gebündelte Inkompetenz habe ich kein Verständnis mehr. Ich bin ja sehr geduldig, aber wenn man zu spät losfährt, zweimal auf einen ICE wartet, dann an einem Zwischenbahnhof trotzdem einen längeren Aufenthalt hat, und dann fünf Minuten vor der Ankunft erst definitiv erfährt, dass man den Anschlusszug nicht erreicht, sodass man auch ja niemanden mehr anrufen kann, der einen abholt (wenn man nicht wie ich schon erfahren mit dieser Strecke ist), fehlt mir persönlich jegliche Basis dafür, dieses Verhalten zu entschuldigen.

Und ich hatte Glück – ich hatte keinen wichtigen Termin (abgesehen von Freizeit, die ich in letzter Zeit so bitternötig habe). Andere Leute mussten wirklich warten.

2 Antworten zu „Aufgrund unserer Verspätung verzögert sich die Weiterfahrt um weitere 7 Minuten“

  1. MrBean sagt:

    wie wahr, wie wahr… hab das auch schon so oder so ähnlich erlebt. Ah, und auf der Linie, auf der ich öfter fahre, sind diese ältere Doppelstöcker auch noch auf verschiedenste Weise defekt. Sie geben z.B. absolut nervtötende Geräusche von sich, meist ein brummen mit einem hochfrequenten surren, ich tippe ja auf einen Fehler in der Elektrik. Und besonders lustig wirds, wenn die Lüftung – die im Bahnhof ja meist sowieso ausgeschalten ist – erstmal defekt ist: Da drin riechts dann je nach Waggon aus einer Mischung aus Urin, Bier, Schimmel, vergammeltem Fastfood und altem Käse. (nicht dass die Lüftung es viel erträglicher machen würde…)
    Wenn man Glück hat findet man nach langem suchen einen Waggon bei dem sowohl die Akustik als auch die Luft erträglich sind.
    Noch witziger sind dann auf der gleichen Strecke verkehrende Dieselzüge, die keinen Zwischenhalt machen und deswegen sehr schnell ankommen. Die erfüllen den Innenraum mit einem dieseltypischen stottern – sehr angenehm, vor allem wenn der Innenraum zur Resonanz kommt. Und sie können sich auch noch schön in Kurven neigen. Ersteres führt dazu dass es unmöglich ist zu schlafen oder sich zu konzentrieren. Und letzteres beschwört – sollte man auch noch versuchen, irgendwas zu lesen – starke Übelkeit herauf. Besonders klimaschonend sind so Dieselzüge auf einer elektrifizierten Strecke ja auch nicht, bleibt zu hoffen dass sich das durch die Ölpreise von selbst erledigt…
    Diese Dinge haben natürlich alle nichts mit der anstehenden Bahnprivatisierung zu tun. Sie werden sich in Wohlgefallen auflösen, wenn endlich ein privater Investor sein überflüssiges Geld in die Bahn pumpt.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: