Evolution, Kreationismus, Blafasel

Jener Artikel auf Spiegel Online tut seine Besorgnis Kund über die momentane Entwicklung der kreationistischen Bewegung. Ich möchte nicht näher darauf eingehen.

Mich regt die ganze Diskussion auf. Jedem steht es frei, zu glauben, an was er will. Wem die christliche Schöpfungslehre kein hinreichendes Weltbild liefert, der möge sich der Evolutionstheorie bedienen, und vice versa.

Desweiteren steht es jedem frei, für die Verbreitung seiner Weltanschauung einzustehen, Kreationisten wie Darwinisten, solange diese sich an gewisse Grenzen hält, z.B. Verfassungstreu ist.

Dies hat allerdings wenig bis nichts mit der Forderung nach einer Einführung der Schöpfungslehre in den Biologie-Lehrplan zu tun.

Es ist zunächst anzumerken, dass es keineswegs der Fall ist, dass alternative, nicht empirisch gesicherte Schöpfungslehren niemals im Biologieunterricht besprochen werden, jede Lehrkraft, die etwas auf sich hält, wird diese anmerken, und die christliche Schöpfungslehre insbesondere, als eine der wichtigsten Alternativen in unserem Kulturkreis, die sich letztendlich bis auf minimale Änderungen drei Weltreligionen teilen. Zumindest war das in meinem Biologieunterricht so, und gleichermaßen in den meisten anderen, von denen ich erzählt bekam. Dagegen ist auch in keiner Weise etwas einzuwenden, solange es nur bei Anmerkungen bleibt, und es nicht zum Lernstoff des Biologieunterrichts gehört.

Andererseits ist die christliche Schöpfungslehre im Lehrplan anderer Fächer fest verankert. Zum Beispiel im christlichen, islamischen und jüdischen Religionsunterricht, so wie vermutlich auch im Ethikunterricht – zumindest gehört sie definitiv in Letzteren hinein, und falls sie es nicht schon ist, wäre das eine legitime Forderung. Auch im Erdkundeunterricht, kann ich mich erinnern, hat man sie mit mir vergleichsweise ausführlich besprochen, neben anderen Theorien von irgendwelchen Zwergen und Schädeln, die germanischen Bräuchen entstammten.

Nichts desto trotz – im Biologieunterricht hat sie, abgesehen von einer kurzen nicht zu tiefgehenden Auseinandersetzung, wie sie in der Wissenschaft üblich ist, nichts zu suchen – unabhängig davon, ob sie nun wahr ist, oder nicht. Egal, selbst wenn Gott die Welt erschaffen hat, genau so, wie es die Bibel berichtet – der Biologieunterricht, sowie die gängige wissenschaftliche Ansicht, wären immernoch im Recht, nicht davon auszugehen.

Hier liegt nämlich ein inzwischen gängiges Missverständnis vor, dem scheinbar beide Parteien verfallen sind: Dem Missverständnis, dass die Wissenschaft die absolute Wahrheit lehrt.

Die Biologie ist eine empirische Wissenschaft, das heißt, sie stützt ihre Aussagen (im Idealfall) ausschließlich auf empirische Beobachtungen, und versucht, aus diesen Beobachtungen eine plausible Erklärung zu entwickeln, die (im Idealfall) dem „Ockham’schen Messer“ genügen, heißt, versuchen, gerade so viel anzunehmen, dass alle Beobachtungen damit in Einklang sind, aber nichts anzunehmen, was nicht notwendig ist, damit diese Beobachtungen damit konsistent sind.

Dieses Prinzip gibt es auch in anderen empirischen Wissenschaften. Sehen wir uns z.B. die Physik an, so sieht man eine eindeutige Entwicklung, z.B. der Atommodelle, von der Vorstellung, es handle sich um unteilbare platonische Körper, über die Vorstellung, es handle sich um unteilbare Kugeln, über „Rosinenkuchen“-Modelle bishin zum heutigen Atommodell, in dem ein Atom alles andere als unteilbar ist, und auch alles andere als Massiv. Jedes dieser Modelle hatte zu seiner Zeit eine Berechtigung – es war das einfachste Modell, das alle Beobachtungen erklären konnte, und man konnte mit jedem dieser Modelle Voraussagen treffen, die vorher nicht beobachtet wurden. Aber jedes, bis auf das aktuelle Modell, musste irgendwann verworfen werden, und es ist zu erwarten, dass auch das aktuelle Atommodell irgendwann durch ein detailreicheres Modell ersetzt wird. Trotzdem – irgendwie sind alle Modelle nicht wahr, aber auch irgendwie nicht falsch.

Wir müssen hier „ins Unterholz“ gehen, und erstmal fragen, was Wahrheit überhaupt für uns bedeutet. Aber das ist eine endlose Diskussion. Im Landläufigen Sinne meint „Wahrheit“ immer soetwas wie „absolute Wahrheit“ – was immer das genau ist.

Einigen wir uns darauf: Die empirische Wissenschaft hat nicht den Anspruch, die „absolute Wahrheit“ zu kennen, sie erkennt und dokumentiert „relative Wahrheit“, das heißt, Dinge, die – wenn man alle empirischen Beobachtungen beachtet – wahr und besonders einfach sind.

Warum tut sie das? Nun, wohl schlichtweg aus Erfahrung. Die Erfahrung zeigt – um ein Beispiel zu geben, dass das der beste Weg ist, um zu gesicherten Erkenntnissen zu kommen, die sich technisch verwerten lassen – und die Technik kann bereits ziemlich viel – also scheint das Prinzip zumindest dafür ganz gut geeignet zu sein. Es gibt aber auch andere Gründe, Wissenschaft zu betreiben.

Zurück zum Thema: Die Biologie versucht, genau diesem Prinzip zu folgen. Darwin versuchte dies ebenfalls. Darwin beobachtete zum Beispiel die berühmten Darwin-Finken, bereiste die Welt, und sah, dass Tierarten sich mit der Zeit weiterentwickeln. Er sah, dass einige Tiere den Menschen ähnlicher sehen als andere, und einige Tiere sich untereinander ähnlich sehen. Er erkannte, dass es plausibel ist, dass alle modernen Tiere, inklusive des Menschen, ebenfalls durch einen evolutorischen Prozess entstanden sein könnten, und sich dies mit seinen Beobachtungen decken würde, und es ein sehr einfaches Modell für die Entstehung des Lebens liefern würde.

Dieses Modell kommt quasi ohne alles aus. Ob dieses nun „wahr“ ist, oder nicht, es passt zu den empirischen Beobachtungen, also ist es wissenschaftlich fundiert. Sicher, es gibt ein paar Kleinigkeiten, die nicht so ganz in das Modell passen, aber diese werden weniger, man findet immer mehr Schlüsse, außerdem ist das Modell wissenschaftlich gesehen immernoch das Beste, und die Widersprüchlichkeiten sind eher klein, sodass man nicht davon ausgehen kann, dass deren Auflösung gleich die ganze Theorie widerlegen würde.

Es ist vollkommen egal, ob das Leben durch Gott entstanden ist, die Biologie muss an dieser Stelle weiter von der Evolution ausgehen, da die Evolution schlichtweg das kleinste Modell ist, das alle Beobachtungen vereint. Und bis man einen empirischen Beweis für die Existenz Gottes findet, wird auch die nächste Theorie, sollte die Evolutionstheorie widerlegt werden, sich voraussichtlich von der christlichen Schöpfungslehre unterscheiden.

Die Arbeitsweise empirischer Wissenschaften sollte eigentlich im Unterricht vermittelt werden – dass dies nicht immer der Fall ist, ist schade, aber ein komplett anderes Problem. Jedenfalls sollen im Biologieunterricht Inhalte aus der Biologie vermittelt werden – und dazu gehört nunmal die Evolutionstheorie, und nicht die christliche Schöpfungslehre, egal, welche der beiden Erklärungen für die Entstehung der Welt nun die richtige ist.

Also hört doch bitte endlich auf, das Thema so emotional zu betrachten, ihr Atheisten, die ihr euer Weltbild nach der Wissenschaft richtet, und ihr Christen, die ihr euer Weltbild nach der Bibel richtet. Es hat einfach nichts damit zu tun.

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