Mitläufer

Ich kann mich grob an einen Artikel erinnern, den ich im Geschichtsunterricht zu lesen gezwungen wurde – Namen vergesse ich wie üblich, es ging um Mitläufer unter den Nationalsozialisten – er enthielt einen Satz: „Lieber bin ich ein echter Nazi (…) als nur ein Mitläufer.“

Ich habe diesem Satz anfangs neutral gegenübergestanden, hatte keine Meinung dazu. Wenig später hat mein toller Lehrer dann eine Diskussion über Dissidenten angezettelt und wie gut er es findet dass es solche Leute gegeben hat. Er meinte, wenn ich mich recht entsinne (ich will niemandem etwas unterstellen) es wäre legitim, einen Staat gewaltsam umstürzen zu wollen, wenn dieser so wie die DDR und das dritte Reich die Menschenrechte außer kraft setzt. Damals habe ich in meinem jugendlichen Übereifer entgegnet, nach dieser Logik könnte man es auch begründen, jeden Tag einen Sprengsatz in ein Tierversuchslabor zu werfen – und meine Meinung war schon damals dass Gewalt keine gute Lösung ist.

Inzwischen neige ich dazu, meine Meinung nicht mehr so radikal auszudrücken, nicht zuletzt, weil man sie leicht als Aufforderung missverstehen könnte, wenn man nicht genau zuhört oder liest. Ich würde heute wohl eher entgegnen, man solle sich überlegen, wie die Welt ohne Mitläufer aussähe.

Ein Mitläufer? Ja, das bin ich. Zumindest würde ich mich so einordnen. Und ich bin stolz darauf!

Klar, ich habe eine politische Meinung, und die sage ich auch, solange nichts dagegen spricht. Aber bei den Sachen, die zu sehr anecken könnten, halte ich lieber meinen Mund. Nur weil ich nicht alle Entwicklungen kommentarlos hinnehme heißt das nicht, dass ich auch wirklich vehement dagegen einstehen würde. Ich will im Wesentlichen eines, meine Ruhe. Und das geht vielen Leuten so.

Wenn ich mir so den Standard-CSU-Wähler (Bierkrug in der Hand, „bodenständiger“ handwerklicher Beruf, hält nichts von Umweltschutz, Tierschutz, Internet, und generell modernen Dingen) ansehe, so kam mir häufig die Frage „wie kann man nur so blöd sein“ oder „wie kann man nur so desinteressiert sein“, aber oft war die Frage wenn ich ehrlich bin weniger von Abwertung als von Neid motiviert. „Warum kann mir das nicht auch egal sein?“ Wie oft habe ich mich das schon gefragt.

Nein, mir sind viele Dinge nicht egal. Trotzdem tue ich nichts wirksames dagegen. Ja, ich bin gegen die Ausbeutung von Tieren, darum bin ich Vegetarier und versuche Veganer zu werden und versuche möglichst oft FairTrade-Zeug zu kaufen. Und solange ich wählen darf wähle ich vermutlich auch die Parteien, die meiner Meinung nach am Besten diese Interessen vertreten, sofern es nicht andere Prioritäten gibt, und setze mich dafür ein. Einfach, weil ich wählen darf, einfach, weil ich der momentanen Partei meiner Wahl angehören darf. Das ändert aber nichts daran, dass ich ein Mitläufer bin. Denn sollte ich irgendwann nicht mehr frei wählen dürfen, werde ich das auch nicht mehr tun. Nein, ich würde mich im Zweifelsfall wohl an die Situation anpassen.

Und ich frage mich: Wie viele andere Personen würden das Gleiche tun? Ich bin mir ziemlich sicher, viele Leute, auch von denen, die jetzt politisches Interesse vorgeben, würden schnell kippen und ihr Fähnlein in den Wind stellen. Gerechtigkeit ist eine Sache, die man sehr gerne hat, aber auch eine Sache, auf die man verzichten kann – solange man nicht der ist, dem Ungerechtigkeit widerfährt. Und wenn man der ist, dem Ungerechtigkeit widerfährt – dann hat man schlichtweg Pech gehabt. Ich meine, was will man tun? Letztendlich bleiben einem vier Optionen: Versuchen, sich soweit an die Situation anzupassen, „mitzumachen“, sodass man nicht mehr der Benachteiligte ist, wäre eine Möglichkeit. Das geht in vielen Fällen. In der DDR hieß das wohl, wenn mir die Schule das richtig vermittelt hat, Parteibuch holen, und mitmachen. Als Jude im dritten Reich fiel diese Option wohl leider weg. Sich einer Organisation anschließen, die gegen das System kämpft. Das geht eigentlich immer. Führt aber nicht selten zu einer noch schlechteren Situation, würde ich mal, ohne es zu wissen, behaupten. Wenn man sich nur anschaut, was mit den Hitler-Attentätern passiert ist. Das Land verlassen. Auch das geht meistens, wenn nichts anderes geht. Dann muss man aber ein anderes Land finden, auch das kann schwer sein. Sich seinem Schicksal einfach zu fügen geht wohl auch in vielen Fällen. Eine andere Möglichkeit fällt mir persönlich nicht ein.

Mitläufer haben es aber wohl im Zweifelsfall am Besten. Leute, die einfach mitmachen, egal was gerade an der Macht ist. Und meiner Meinung nach muss es solche Leute geben. Wenn jeder immer vehement auf seiner politischen Meinung beharren würde, und dem aktuellen System seine Fähigkeiten nicht zur Verfügung stellen würde, wäre die Menschheit nie so weit gekommen. Hätte jeder westliche Ingenieur zu Zeiten des kalten Krieges eine feste politische Meinung gehabt, wäre also entweder Kommunist oder Kapitalist gewesen, und wären sie auch noch bereit gewesen, das jeweils andere System zu bekämpfen, ich bezweifle, dass es große technische Fortschritte gegeben hätte.

Letztendlich geht es doch bei der Entwicklung der Menschheit nicht um Einzelseelen. Es geht um die Menschheit als Ganzes. Es geht darum, wie gut eine Gesellschaft bestehen kann. Wir haben kein absolutes Maß, was besser und was schlechter ist, außer die Erfahrung. Und die Erfahrung zeigt, dass ein System, in dem möglichst alle zufrieden sind, und in dem möglichst jeder möglichst viel Freiheit hat, am Besten ist – und das ist die Stärke der Demokratie, denn sie gibt den Menschen viel persönliche Freiheit, aber auch nicht zu viel. Sie räumt dem Eigennutz jedes Einzelnen eine Chance ein, aber der Gemeinnutz geht vor. Sie räumt sogar Minderheiten Rechte ein. Die Erfahrung zeigt, dass wenn relevante Teile der Bevölkerung unzufrieden sind, das System früher oder später untergeht, und das nicht selten durch einen Mob passiert, der mit den Machthabern dann nicht selten sehr unschön umgeht. Also brachen wir ein System, in dem die Mehrheit der Bevölkerung bestimmt, wer an der Macht ist, und diesen auch im Zweifelsfall unblutig in kurzer Zeit absetzen kann. Freie Wahlen.

Ich weiß das hört manch Einer nicht gerne, aber schlussendlich sind die Pläne zu Internetsperren und Onlinedurchsuchung nur deshalb möglich, weil der Großteil der Bevölkerung sich daran nicht hinreichend stört. Wäre ein Großteil der Bevölkerung vehement genug dagegen, um seine Wahlentscheidung zu überdenken, man müsste keine zwei Wochen warten bis der erste Gesetzesentwurf draußen wäre, der sie kippt. Rechts wie Links hört man immer mehr, der Staat vertrete immer weniger die Interessen des Volkes – dem kann ich nicht zustimmen. Der Staat macht nach wie vor nur das, was das Volk ihm erlaubt. Noch gibt es freie Wahlen. Wenn das Volk es wirklich will, kann es genug verändern. Aber das Volk will das eben nicht. Das Volk hat sich zum Beispiel gegen Freiheit im Internet entschieden. Ob ich das nun gut finde oder nicht spielt keine Rolle. Warum das Volk sich so entschieden hat spielt letztlich auch keine Rolle. Es ist ein Fakt. So viele Stimmen werden laut gegen den „Raubtierkapitalismus“, und wie viele Leute doch so arm sind und unter Hartz IV leben – offenbar noch nicht genug, wenn ich mir die Wahlergebnisse ansehe. Vielleicht sollte man dann lieber mal dazu übergehen, sich mehr über das dumme Gesamtvolk, als über die Regierung zu beschweren.

Ich für meinen Teil werde jedenfalls so lange das wählen was meiner Meinung nach das Beste ist, wie das System mir die freie Wahl lässt, weil ich in der Schule gelernt habe, dass das System genau das von mir erwartet. Und noch ist es so, dass das Volk entscheidet, wer die Macht hat. Und noch ist es auch so, dass eigentlich keine etablierte Partei etwas dagegen hat, wir sind also weit davon entfernt, die Souverainität des Volkes zu verlieren, auch wenn manch einer gerne etwas anderes behauptet. Und wenn das Volk sich einst doch entscheiden sollte, sich selbst zu entmachten, dann muss mir das egal sein. Dann kann ich nur hoffen, dass der Machthaber, den das Volk sich sucht, mir Wohlgesonnen ist.

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