Das NIH-Syndrom und die Leiden der jungen Nerds

„NIH“ steht für „Not Invented Here“. Das NIH-Syndrom ist weit verbreitet in Unternehmen, aber ich denke, man kann den Begriff durchaus auch auf kleine Hobbyprogrammierer wie mich anwenden.

Das Leben des Hobbyprogrammierenden Teilzeitnerds kann schwer sein, denn es gibt nur noch wenig zu tun für ihn. Längst gibt es erfolgreiche Vollzeitnerds die sogar unternehmen Leiten. Die Zeiten, wo eine Einzelperson (oder wenigstens nur ein kleines Team) sich hinsetzt, etwas programmiert, und damit weltbekannt wird, sind vermutlich weitestgehend vorbei, die großen Erfindungen sind vermutlich bereits gemacht worden, zumindest werden die bahnbrechenden Neuheiten seltener.

Und so kommt es nicht selten vor, dass man sich einem Projekt widmet, das eigentlich zu den bestehenden Programmen kaum unterschiede aufweist, das man aber dennoch von Grund auf neu schreiben will. Dies stößt dann wiederum oft auf Unverständnis bei der breiten Masse, aber schlussendlich bringt es Erfahrung und Freude. Ich kann mich an eine Diskussion in einem Forum über Konsolenemulatoren erinnern, in dem ein Programmierer voller Stolz berichtet hat, er könne bereits erste GameCube-Spiele mit 3 Frames pro Sekunde auf seinem Emulator spielen – und prompt die Antwort bekam, er möge sich doch einfach einen GameCube kaufen. 100$ und er müsste keinen Emulator schreiben.

Auch wenn ich mich frage, was eine solche Person dann überhaupt in dem Forum sucht, der betreffende Programmierer hat sicherlich mindestens ein Exemplar des GameCube. Ein anderer Poster stellte später im selben Thread klar, dass es nicht darum ginge, Rips zu ermöglichen, es gibt einfach Leute, die es interessant finden, einen Emulator zu schreiben. Einfach so.

Soetwas stößt nicht unbedingt auf viel Verständnis bei der „normalen“ Bevölkerung: Warum sollte sich jemand unbezahlt stundenlang hinsetzen, um einen Emulator zu schreiben, den er sowieso nicht braucht, und dann auch noch stolz auf seine läppischen 3 fps sein, wobei er ja selbst die nur bei den einfachsten Spielen hinbekommt? Die Zeit könnte man sinnvoller Nutzen!

Nun, solchen Fragen entgegne ich gerne mit der Gegenfrage, warum man zwei Wochen nach Mallorca fahren sollte – die Zeit könnte man schließlich auch sinnvoller verbringen. Gut, damit ernte ich meistens noch mehr Unverständnis, das liegt einfach in der Tatsache, dass viele Leute nicht verstehen können, dass man es entspannend finden kann, vor seinem PC zu sitzen, und stundenlang Chipspezifikationen zu durchwühlen. Nur um dann nach ein paar Monaten seine ersten paar Frames sehen zu können. Für den Außenstehenden sind es nur ein paar zerpixelte Bilder die die Konsole seit Monaten anzeigen kann, aber für den Programmierer ist es eine unglaubliche, unbeschreibliche geistige Befriedigung, was er geschafft hat – und diese entschädigt mehr für alle vorherige Arbeit und macht glücklicher als es zwei Wochen Mallorca jemals könnten!

Wie gut fühlt es sich doch an, wenn sein kleiner IRC-Bot zum ersten mal funktioniert und einen mit einen auf die Anfrage „!sayhello“ mit  „Hello World“ begrüßt. Wie schön ist es, wenn dein Firefox sich durch deinen eigenhändig Programmierten Socks-Proxy mit dem Internet verbindet. Wie wundervoll die kleinen Vierecke, wenn sie zum ersten mal aneinander abprallen und sich nicht durchdringen oder sonst irgendwohin verschwinden. Wie aufbauend das erste Bild eines Würfels das der eigene schatteneffektfreie kantenzerpixelnde Raytracer in einer halben Stunde gerendert hat. Und auch wenn ein Großteil dieser produzierten Software in irgendeinem „projects“-Verzeichnis verstaubt, so weiß man doch „wenn ich gewollt hätte, hätte ein großes Projekt daraus werden können“, und diese Gewissheit entschädigt einen für die vielen Kreuzschmerzen, die stärkere Brille, und für die vielen Male wo man sich den Satz „Es ist schon drei, steh endlich auf!“ anhören musste.

Nun, das sind die Erfolgserlebnisse am Anfang eines Projektes. Möglicherwiese erkennt man, dass einen das Thema doch tiefer interessiert. Möglicherweise mit einer ganz konkreten Motivation – irgendetwas anders zu machen, irgendeine kleine Idee, mit der – soweit man weiß – noch kein Programm arbeitet, das irgendein konkretes Problem löst. Irgendeine gut klingende Idee, in die man sich verliebt, die man immer besser durchdenkt, und die man zu implementieren versucht. Und so wird man sich zwangsläufig in irgendein größeres bestehendes Projekt einarbeiten, weil man nicht alles re-implementieren kann, um dann seine Idee zu verwirklichen.

Nur um dann festzustellen „das gibt es schon“. Ja, es ist kaum möglich, eine Idee zu haben, die noch niemand vorher hatte. Es freut mich ja irgendwie zu lesen, dass das den designierten Wissenschaftlern scheinbar genauso geht – immerhin sind die ja an der Quelle des Wissens. Besonders weh tut es aber garnicht, dass die Idee schon da war. Besonders weh tut, dass die Idee, an der man tagelang herumgedacht hat, die man in sich entwickelt hat, bei der man sich „wie die Großen“ gefühlt hat, sich nicht selten als schlechte Idee herausstellt – klar, sie ist nicht neu, und sie hat sich nicht durchgesetzt.

Aber man wäre kein Nerd, wenn einen soetwas unterkriegen würde. Es ist das Leben des Nerds. Masochistisch muss der Nerd sich neue Nahrung suchen. Immerhin, die Idee mag schlecht gewesen sein, aber jemand anderes hatte sie ja bereits vorher, man ist also nicht der erste der die schlechte Idee hatte. Und es gibt im Grunde keine schlechten Ideen. Es gibt nur Ideen, die sich als Irrtum herausstellen. Das Gerippe der Idee bleibt dem Nerd als Trophäe erhalten, wie dem steinzeitlichen Jäger sein Büffelschädelhelm, und bringt ihm nicht etwa weniger Anerkennung, sondern sogar mehr Anerkennung, denn er kennt sich mit einem Thema aus, und kann in den sozialen Netzwerken jetzt mit Recht sagen, er hätte Erfahrung – außerdem bleibt nicht selten dennoch ein wenig persönlicher Einfluss auf dem Fachgebiet hängen, und sei es nur der korrigierte Grammatikfehler in einer Dokumentation, oder der kleine Bugreport der dafür gesorgt hat dass das Debian-Paket es auch in die neue Debian-Version geschafft hat.

Und so bleibt die Welt in Ordnung. Innerhalb ihrer Welt ist die alles in Ordnung, erfährt man beim elektrischen Reporter über Nerds. Ja, Nerds sind die großen Gestalter. Nur wenn man sich einem Thema aus freien Stücken, ohne finanziellen oder sozialen Hintergedanken hingeben kann, aus reinem Selbstzweck, kann man etwas neues gestalten. Nur wenn man eine Nacht lang wachliegen kann weil man sich überlegt wie man seine Idee am besten verwirklicht. Nur dann kann man etwas gestalten.

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