Frustblogging #1: Ohrenschmalzschokolade

Ich nummeriere ab jetzt meine Frustbloggings durch, habe ich mir gedacht. Dies hier ist Frustblogging Nummer 1. Also dann: Fangen wir an.

Es gibt das Phänomen, dass einem Menschen eine vergleichsweise kurze Periode der Langeweile sehr lang vorkommt, bei der Erinnerung daran allerdings, aufgrund der Detailschwäche der Geschehnisse, und der damit ausbleibenden Erinnerungen, die Zeit als sehr kurz erscheint. Dieses Phänomen bezeichnet man meines Wissens als subjektives Zeitparadoxon.

Jedenfalls ist dieses Phänomen einer meiner momentanen Grundpfeiler. Wie sonst soll man 45 Minuten Weg zur Uni aushalten, und sich diese Erfahrung fast jeden Tag geben, wenn man nicht am Ende des Weges die Zeit wenigstens vergessen kann?

Und so kommt es, dass es mich besonders stört, wenn in den öffentlichen Verkehrsmitteln irgendetwas passiert, was aus den sonstigen monotonen Fahrten, in denen ich im Halbschlaf oder wenigstens unter maximaler Zerstreuung mein Dasein friste, heraussticht. An monoton quängelnde Kleinkinder habe ich mich derweil gewöhnt, genauso an hiphophörende Großkinder, und an mehrlachendalsredende blassblauhaarige Senioren, die sind so alltäglich dass mein interner Filter, den ich mir notgedrungen durch meinen Besuch eines sozialwissenschaftlichen Gymnasiums aneignen musste, und den ich inzwischen perfektioniert habe, sie fast komplett aussortiert, sodass ich wenig bis nichts davon mitbekomme.

Eine solche herausstechende Situation fand heute statt, direkt neben mir unterhielt sich eine Mutter mit ihrem Kind. Fairerweise sage ich vorweg, dass dieses Gespräch nur deshalb mein inneres Gleichgewicht perturbierte, weil es direkt neben mir stattfand, anders als viele Mutter-Kind-Konversationen zwang sich die Kinderstimme wohl nicht in die entzündeten Ohren jedes einzelnen Wagonmitgliedes.

Jedenfalls waren drei nahe beieinanderliegende Sitzplätze frei, einen davon besetzte die Mutter, und sie bot ihrem Kind drei Alternativen an, nämlich die zwei noch freien Sitzplätze und ihren Schoß. Das Kind entschloss sich stehenzubleiben und nicht kooperativ zu sein. Trotz aller Warnungen der Mutter, dass die beiden freien Sitzplätze bald besetzt werden würden, blieb es unbelehrbar, und so kam es dass drei stationen und etliche erloschene Engramme meiner guten Laune später beide Sitzplätze tatsächlich besetzt waren, was jenen Buben dazu veranlasste jetzt doch einen dieser Sitzplätze zu wollen. Nun, das war zu erwarten, Kinder testen ihre Umwelt aus, und müssen eben noch lernen, mit den Konsequenzen ihrer Handlungen zu leben, und es ist eigentlich erfreulich, dass die Lektion für Jenen noch so milde ist, dass er zwei Sitzplatzalternativen von drei verliert. Nach einigen mehr oder weniger tiefgründigen Diskursen mit seiner Mutter akzeptierte er dann sein Schicksal und nahm die verbleibende Alternative – die Oberschenkel seiner Mutter – an, freilich nur unter Protest.

Ich als Mutter hätte wohl jenen Protest einfach als gegeben angenommen, vielleicht bin ich gemein oder zu wenig verständnisvoll, aber letztlich wurde er gewarnt, hat die Warnungen nicht ernstgenommen, und muss nun die nicht unbedingt schwerwiegenden Konsequenzen seiner Entscheidung tragen, an denen man trotz noch so viel Protest wenig ändern kann. Diese Mutter war natürlich um das Seelenheil ihres Kleinen bemüht, und begann weiterzureden. Irgendwann kamen sie dann – warum auch immer – zum Thema exotische Schokoladensorten. Nach immer abstruseren Konstruktionen des Kindes folgte von Jenem Salamischokolade. Das Kind hielt sich allerdings wenigstens an das Grundprinzip, nur Lebensmittel mit Schokolade zu vermischen. Die Mutter hingegen topte ihren Sohn, indem sie genialerweise dieses Prinzip kippte und neben anderen Stilblüten mit Ohrenschmalzschokolade konterte.

Nun, die Reaktion des Kindes war ein nasses Lachen (zum Glück habe ich glaube ich nichts davon abbekommen) und ein rapider Abstieg meines Appetits. Und ein Wort das sich in mein Unterbewusstsein gefressen hat, so dass ich es wohl nie wieder vergessen werde.

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