Kostenlos und Gut – ein Widerspruch?

Auf gulli.com las ich gerade einen Artikel über den Manager der Band U2, und dessen Meinung zu Filesharing und dem Internet und Sonstigem. Nun, was soll man von jemandem halten, der sich für das Three-Strikes-Gesetz ausspricht? Genial finde ich auch den Satz (leider nur indirekte Rede, ich würde gerne den Originaltext kennen):

„Auf die Frage, wie sich die Provider bisher insgesamt verändert hätten, erklärte McGuiness, dass die bisherigen Maßnahmen nur täuschend gewesen seien. Man würde von diesen nur etwas hören, wenn es um Kinderpornografie oder Ähnliches gehe.“

Verstehe ich da irgendwas falsch? Kann durchaus sein, die Stelle um diesen Satz herum ist etwas seltsam formuliert. Aber so wie ich das verstehe, beschwert er sich hier, dass die Provider offenbar weniger Skrupel haben, von Maßnahmen Gebrauch zu machen, wenn es sich um Kinderpornografie handelt, als wenn es sich um Urheberrechtsverletzungen handelt.

Sorry, für mich ist es irgendwie klar, dass man eine so umstrittene Maßnahme wenn sie schon mal da ist eher gegen etwas wie Kinderpornografie einsetzt, als gegen Urheberrechtsverletzungen. Ich finde es auch irgendwie absurd, beides überhaupt auf eine Ebene zu stellen. Oder überhaupt zu vergleichen.

Nun, der Artikel auf gulli.com heißt „Kostenlos ist der Todfeind von Gut“. Der Meinung bin ich nicht. Kostenlos ist der Todfeind von Mainstream. Aber nicht von Gut.

Freilich kostet die Produktion von Mainstream-Musik Geld. Und selbst das hobbymäßige Erzeugen von Musik dürfte in den meisten Fällen mit Kosten, zumindest für Instrumente und deren Wartung, verbunden sein. Aber.

Man darf nicht vergessen, dass die kommerzielle Erzeugung von Musik nur ein Geschäftsmodell ist. Der Vertrieb der erzeugten Produkte auf digitalen Datenträgern für Lesegeräte, die ein einfaches Kopieren ermöglichen, ist freiwillig. Die Musikindustrie könnte genausogut noch Tonbänder verkaufen. Diese wären dann zumindest schwerer zu kopieren. Oder sie könnten sich mit den betreffenden Unternehmen auf einen Datenträgerstandard einigen, für den dann keine Kopiergeräte für den Mainstream hergestellt werden. Ähnlich den alten Videospielkonsolen von Nintendo zum Beispiel.  Nun, inzwischen gibt es bei den betreffenden Spielen zwar auch Raubkopien, aber die Konsolen sind auch mindestens zehn Jahre alt. Aus wirtschaftlicher Sicht dürfte das also doch recht effektiv sein. Warum nicht das Gleiche mit kommerzieller Musik machen?

Achja richtig. Eine vergleichbare Grundidee gibt es ja schon. Nennt sich DRM. Und wie erfolgreich die ist sieht man, wenn man nach den Worten „kippt DRM“ sucht. Unter Anderem scheint iTunes genau wie viele Andere inzwischen davon abzusehen. Nicht nur, dass es technische Schwierigkeiten gibt, nein, es verkauft sich auch einfach nicht gut. Im Internet verkauft sich das Zeug halt doch besser. In digitaler, frei benutzbarer Form. Natürlich kann man es da dann auch weitergeben.

Um jetzt also mal meinen Eindruck zusammenzufassen, was die Musikindustrie eigentlich will (ich lasse mich gerne korrigieren, wenn ich falsch liege): Technische Lösungen erweisen sich als möglich aber teuer, schwierig, und nicht gut verkaufen, also scheint sie die neue Internet-Technik nutzen zu wollen, um ihre Produkte besser, schneller und einfacher verbreiten zu können. Gleichzeitig will sie aber die Eigenheiten der neuen Technik, die inhärent sind, nicht akzeptieren, und sich stattdessen diese Technik durch Gesetze an ihre Bedürfnisse anpassen.

Das klingt für mich, als würde man unbedingt Tulpen auf einer allgemein zugänglichen Schafsweide anbauen wollen, und sich beschweren, dass die Schafe sie abgrasen, und deshalb fordern, einen großen Zaun drum herum zu machen. Mit meiner eigenen Wiese kann ich das machen. Aber nicht mit Allgemeingut.

Dieter Bohlen hat zu dem Thema btw auch etwas sehr interessantes gesagt.

Und das Internet ist Allgemeingut. Mich nervt es, dass alle möglichen Leute das Internet nur als Verkaufsplattform ansehen, das halt zufällig auch noch ein paar Verbrecher und Jugendliche verwenden. Das Internet ist ein wichtiges Allgemeingut, das eigentlich dem Volk gehören sollte, und nicht Privatunternehmen. Das die Wirtschaft zwar verwenden darf, aber das nicht ausschließlich dem Zwecke des Wirtschaftens dienen sollte. Das die Dinge erleichtern soll. Das Internet gehört nicht der Musikindustrie, und wenn die Musikindustrie damit nicht zurechtkommt, dann soll sie es gefälligst lassen!

Das hat nichts damit zu tun, dass man grobe Verstöße gegen das Urheberrecht nicht trotzdem verfolgen darf und sollte. Das hat auch nichts damit zu tun, dass das Internet ein rechtsfreier Raum sein soll. Das heißt nur, dass das Recht, das im Internet gilt, auch ein Recht sein muss, das zum Internet passt.

In Wirtschaft und Rechtslehre in der Schule habe ich gelernt, dass Gesetze „Zweckmäßig und Durchsetzbar“ sein müssen – das klingt für mich so plausibel, dass ich jetzt mal davon ausgehe, dass das auch in der Realität so ist. Staatliche Sperrlisten gegen Urheberrechtsverletzungen sind nicht Zweckmäßig, denn der Eingriff in die persönliche Freiheit steht in keinem Verhältnis zur Tat (und gegen Kinderpornografie nützen sie nichts, und sind überflüssig, wie man zum Beispiel bei fefe lesen kann.) Also fallen allgemeine Netzsperren schon mal komplett weg aus dieser Thematik. Das Kontrollieren des gesamten Traffics, sodass die ISP’s merken, ob und wann der Kunde gegen Urheberrecht verstößt, ist nicht durchsetzbar (und natürlich Datenschutzrechtlich ebenfalls sehr bedenklich).

Bleibt also die Frage, was tun? Nun. Ich bin für: Garnichts. Es ist das Problem der Musikindustrie. Diese muss Lösungen dafür finden. Und das tut sie ja so langsam. Wenn ich bedenke, dass ich noch vor etwa zehn Jahren für eine Single-CD zehn Mark hinblättern musste, obwohl ich nur ein Lied wollte – und heute kann man auf verschiedenen Webplattformen Musikvideos kostenlos einsehen, und das betreffende Lied für umgerechnet eine Mark kaufen. Der Markt ist sicher härter geworden. Und ich kann durchaus verstehen, dass es bequemer ist, sich auf die faule Haut zu legen, und darauf zu warten, dass einem die zwei Songs die man gerade geschrieben hat einen für den rest seines Lebens ernähren.

Aber es ist nicht mehr Zeitgemäß. Und ich hoffe, dass wir in zwanzig Jahren darüber lachen können, wie dumm sich die Leute heute angestellt haben, das Urheberrecht gescheit zu ändern.

So ist das nunmal. Ob es nun gerecht ist oder nicht. Die Welt ist schlecht. Get over it! Auch wenn man der Musikindustrie angehört.

Eine Antwort zu Kostenlos und Gut – ein Widerspruch?

  1. Beim Lesen fiel mir erst jetzt auf, wie unverhältnismäßig aufgeladen der Begriff „Raubkopie“ ist.

    Andere haben das allerdings schon früher gemerkt:

    http://www.dobszay.ch/2007-06-15/raubkopie-als-unwort-des-jahres-urheberrecht-im-wandel/

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