Jüdische Denkmäler

Denkmäler gibt es viele. Meistens sind es irgendwelche Kunstwerke oder Rudimente einer vergangenen Zeit, die man zum Denkmal erklärt. Bei Rudimenten vergangener Zeit, wie zum Beispiel alten Häusern, etc., halte ich den Denkmalschutz durchaus für sinnvoll. Das Problem bei vielen modernen Denkmälern ist, dass sie häufig von Künstlern entworfen wurden, und daher gerne missverstanden, oder garnicht verstanden werden – ich wage mal zu behaupten, vom Künstler teilweise selbst nicht.

Vom Künstler bekommt man dann häufig zu hören, dies sei intendiert, um Diskussionen über das Thema hervorzurufen, oder wenigstens zum Nachdenken anzuregen. Ich bin der Meinung, solche Dinge rufen eher ein Nachdenken über das Denkmal selbst hervor, weniger über die Tatsache, auf die es hinweist. Und wenn ich mich an stundenlange Sozialkunde-Diskussionen damals in der Schule (als das gerade aktuell war) über dieses tolle Judendenkmal in Berlin, das damals gebaut wurde, erinnere – was für eine Lachnummer das damals war. Wie umstritten dieses Sammelsurium an Betonklötzen doch war. Ich kann mich an Diskussionen über eine Würstchenbude erinnern, die direkt daneben stand, und an Touristen Würstchen verkauft hat. Ich kann mich noch dunkel daran erinnern, dass sogar irgendwie die Firma die die Klötze liefern sollte, beschuldigt wurde, früher Zyklon B hergestellt zu haben, kann aber sein dass ich das grade verwechsle. Und irgendwann sollen mal Kinder auf den Säulen rumgehüpft sein und gespielt haben. Leider finde ich keine dieser Meldungen im Internet, wenn jemand Links als Nachweis dazu hat, bitte Kommentieren, ansonsten hoffe ich einfach mal dass mich meine Erinnerung nicht trügt.

Ich habe einen interessanten Sketch von Mathias Richling zu diesem Denkmal gefunden. Siehe hier.

Aus historischen Gründen gibt es wohl in Deutschland – ohne dass mir genaue Statistiken bekannt wären – vermutlich überdurchschnittlich viele Judendenkmäler. Zum zweiten Weltkrieg hört man eigentlich fast nur von Judendenkmälern. Darauf geht Richling in seinem Sketch auch ein. Eigentlich erschreckend, dass die Welt aus dem zweiten Weltkrieg scheinbar im Wesentlichen gelernt hat „als Deutscher soll man keine Juden verfolgen“. Nicht dass diese Erkenntnis falsch wäre, sie ist nur etwas zu wenig weitreichend. Deshalb halte ich es auch für problematisch, das Thema so sehr zu tabuisieren, und überproportional viele Judendenkmäler zu bauen. Man sollte mehr allgemeine Friedensmahnmale aufstellen.

Vor Allem  aber sollte man darauf achten, dass diese auch wirkungsvoll sind. Eine riesige Fläche mit betonklötzen vollzustellen mag teuer und eindrucksvoll sein, und einen großen künstlerischen Wert haben – es macht mich aber nicht nachdenklich. Es sagt mir, dass irgendein Künstler gemeint hat, es könnte passen, und irgendwelche Regierungsmitglieder gesagt haben, ok, es passt, also geben wir das Geld her. Es ist vielleicht interessant – aber eben auch nur wegen seines künstlerischen Wertes. Ich vermute, wenn ich dort hindurchlaufe denke ich nicht über Juden nach, ich denke über Betonklötze nach – falls ich überhaupt nachdenke. Und ich bin mir relativ sicher, dass es vielen anderen Leuten genauso gehen wird. Der einzige Grund, in so einem Denkmal über Juden nachzudenken, ist es doch, dass man weiß, dass es ein Judendenkmal ist. Es könnte aber genausogut ein neuer Hirnfurz irgendeines kunstliebenden Regierungsmitgliedes gewesen sein, und keinen Bezug zur Judenverfolgung haben.

Viel besser geeignet finde ich da zum Beispiel die Judensäue. Manch einer forderte schon, diese von Kirchen zu entfernen, als Zeichen, dass man dieses Kapitel in der Geschichte abschließt. Nun, ich denke, man sollte sie dortlassen und mit einer Gedenktafel versehen (das wurde meines Wissens auch an einigen Stellen machen), das dachte ich schon von Anfang an.

Denn die Existenz dieser Judensäue beschämt mich persönlich sowohl als Deutschen, als auch als Christen, als auch als Menschen. Das sind Denkmäler, die wir brauchen! Beschämende Denkmäler. Wenn ich über Judensäue nachdenke, frage ich mich, was in den Juden zu dieser Zeit vorging – und vor Allem, was in den Christen zu dieser Zeit vorging. Ich frage mich, warum Menschen so große Bestien zueinander sein können. Ich stelle mir Dutzende von Fragen. Wenn ich mich darauf einlasse könnte ich darüber philosophieren.

Bei ein paar Betonklötzen tue ich das erhlichgesagt nicht.

Nun, jetzt las ich jedenfalls, dass ein jüdisches Denkmal once again zerstört wurde. Ein Denkmal aus Stahl und Glas. Also wohl ein Denkmal, das nicht besonders Widerstandsfähig ist. Vielleicht also eine schlechte Entscheidung, ein Judendenkmal in der jetzigen Zeit aus Glas zu bauen. Denn je zerbrechlicher das Denkmal, desto zerbrechlicher die Illusion dass sich die Welt in den letzten sechzig Jahren wirklich weiterentwickelt hat, wie man sieht.

Ja, dieses zertrümmerte Denkmal stimmt mich ebenfalls nachdenklich. Nach sechzig Jahren gibt es immernoch kaum Juden in Deutschland, aber genug Idioten, die ein Judendenkmal zerschmettern. Oder – um es mit den Worten der Ärzte auszudrücken – leben wir nicht in einer Herrlichen Zeit? Es zeigt ziemlich deutlich den Trümmerhaufen aus inkompatiblen halbherzig zusammengeschusterten Grundwerten und ungebildeten Bürgern in Finanznot und Frust, und die Entstehung neuer brauner Löcher.

Mein Vorschlag wäre es, das Denkmal zerschmettert zu lassen. Vielleicht daneben ein Schild aufstellen, mit einem Foto, wie es vorher ausgesehen hat.

Wir brauchen keine Erinnerung an irgendein Ereignis, bei dem unsere Großväter gerade ihre Volljährigkeit erlangten. Noch so viele Denkmäler können sie nicht mehr ungeschehen machen. Und auch nicht entschuldigen. Und auch nicht lindern. Was sie können, ist, uns zu zeigen, was unsere Vorfahren falschgemacht haben. Deshalb nervt es mich auch, dass Nazi-Vergleiche bei uns so ein Tabu sind. Zum Beispiel Däubler Gmelins Kritik an der Bush-Regierung. Nach dem Motto „der zweite Weltkrieg ist das Schlimmste was jemals passiert ist und auch das Schlimmste was jemals passieren wird“ wird jeder, der wirklich versucht, Verknüpfungen zwischen heute und damals herzustellen, Mundtot gemacht. Aber wenn man sich anschaut, was die Bush-Regierung so alles erdacht hat, und was im Nachhinein so alles rauskommt, hatte die Gmelin im Nachhinein vielleicht garnicht so unrecht mit ihren Nazi-Vergleichen, immerhin hat er nach fast Sechzig Jahren zum ersten mal wieder offizielle Internierungslager in die westliche Welt gebracht. Warum darf man so etwas nicht mit Nazis vergleichen? Was ist denn der Unterschied? Ist die Anzahl der gefolterten Leute der Unterschied? Oder die „noblere Gesinnung“ der Amerikaner? Heiligt der Zweck die Mittel? Die Deutschen haben versucht, ganz Europa einzunehmen – aber die USA sind der erste und bisher einzige Staat, der jemals kriegerisch Atombomben eingesetzt hat.

Das ist keine Relativierung der Grausamkeiten die das dritte Reich verbrochen hat. Ich fühle mich mit meiner deutschen Identität nicht besser, nur weil die USA unschuldige Kinder quält und mit Atombomben um sich wirft. Im Gegenteil. Ich würde mich besser fühlen, wenn ich wüsste, der zweite Weltkrieg mit allem drum und dran war eine Lektion, die irgendwann kommen musste, aber wenigstens die letzte ihrer Art war. Ein Fehler, der einmal gemacht werden musste – aber nur einmal. Nun, jetzt sind sechzig Jahre vergangen, noch wollen die meisten Politiker frieden. Noch ist man grundsätzlich gegen Folter und Unterdrückung – man freundet sich nur sehr langsam wieder damit an. Das ist erschreckend. Darüber muss man reden! Man muss erkennen, dass die Leute damals auch nicht dümmer waren als heute. Das einzige, was wir den Leuten von damals voraus haben, ist das Wissen um deren Fehler, und deren Konsequenzen.

Also lasst den Scherbenhaufen liegen! Er ist viel wirkungsvoller als es jedes gläserne neue Denkmal sein könnte! Er zerstört die Illusion, dass die Welt besser geworden ist. Er regt zu dem an, wozu ein Denkmal wirklich anregen sollte: Nicht die Vergangenheit bereuen, sondern über die Zukunft nachdenken!

Eine Antwort zu Jüdische Denkmäler

  1. Herr Q. sagt:

    Ein klasse Schreiben.

    Nebenbemerkung:
    Die Firma die ursprünglich die Betonsäulen gießen sollte hat sich im Dritten Reich die Hände blutig gemacht.
    Als dieser Umstand rauskam wurde der Auftrag neu vergeben.
    Es gibt ein Haufen Firmen, welche auf den Gräultaten von damals ihr Unternehmen großgezogenen haben und alle Welt kauft immer noch bei ihnen. Aber die alte Firma durfte keine Sühne, bei dem Bau des Denkmals zeigen.
    Der Beton der neuen, jungen, (unerfahren?) Firma fängt jetzt bereits das Zerbröseln an.

    Abgesehen davon, wenn man an Verfolgte mit riesigen Monumenten erinnert, sollte man _alle_ Verfolgte mit einbeziehen.

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