Kulturflatrate – Segen oder Fluch?

Ich habe mich ja bereits über die Urheberabgaben für USB-Sticks ausgelassen. Dort wurde ich per Kommentar auf einen interessanten Artikel zu dem Thema aufmerksam gemacht, der Kulturflatrates ablehnt. Eine interessante Sichtweise, die ich bisher noch nicht hatte.

Er kritisiert unter Anderem die technische Realisierbarkeit (ein Problem, dem ich mir allerdings auch schon bewusst war), und vor Allem die Frage, wer das Geld der Kulturflatrate abbekommt. Nun, technisch realisierbar wäre es meiner Meinung nach schon, mittels eines großen Portals zum Beispiel, bei dem das Herunterladen so einfach ist, dass es kaum einen Sinn hat, etwas anderes zu verwenden.

Aber natürlich bleibt die Frage, was die Musiker machen, die ihre Werke dort nicht veröffentlichen. Und die Frage bleibt, in welcher Hand das ganze wäre. GEMA? Staat? CCC? Nun, wenn, dann wohl am Besten große unabhängige Nutzerverbände denen jeder beitreten kann. Denn auch die Musikindustrie ist ein Internetnutzer, und nicht etwa ein Produzent, sie stellt sich zwar gerne so dar, aber das ist falsch. Sie nutzt das Internet, um ihre Produkte zu verbreiten. Genau wie andere es nutzen um die Produkte zu kaufen. Beide sind Internetnutzer. Also sind auch beide in einem unabhängigen Nutzerverband gut aufgehoben.

Die Gefährdung der Netzneutralität ist sicherlich ein wichtiger Punkt. Andererseits denke ich, die Gefährdung der Netzneutralität besteht sowieso, ziemlich unabhängig von der Kulturflatrate. Im Mobilfunk ist sie ja längst da – Tarife die VoIP und Instant Messaging verbieten, Spezialtarife für bestimmte E-Mail-Dienste, oder Dienste die „nur mit authentifizierten Clients“ funktionieren. Und im Internet – nun, da hat sich die Unsitte breit gemacht, DNS-Server auf eine Werbeseite umzuleiten, wenn sie einen Hostname nicht finden. Und wie lange wird es dauern, bis es billige Internetdienste mit ebensolchen Beschränkungen gibt? „Nur HTTP, dafür um ein Viertel billiger“ – klingt doch zu verlockend, als dass es sich nicht irgendwann durchsetzen würde – zumindest bei den „Gelegenheitssurfern“, die im Internet ohnehin nur eine Last sehen. Traurig aber wahr – das freie Internet muss an allen Fronten kämpfen.

Nungut, Musikern kann man – wie auch Dieter Bohlen es tat – einfach sagen, sie sollen ihr Geld durch Auftritte verdienen, wie sie es vor der Zeit der Tonträger taten. Filme – nun, es gibt Kinos. Klar gibt es sobald ein bekannter Kinofilm herauskommt sofort Kinoabfilmungen, aber nunja, die sind meistens in einer eher schlechten Qualität, dementsprechend werden die meisten Leute wohl trotzdem ins Kino gehen – dann muss man eben etwas länger warten, bis man die DVD dazu herausbringt. Zeitungen können – wenn sie große Verluste fürchten – auf ihren Internetauftritt verzichten. Zwar kann man die Tageszeitung dann Einscannen und ins Internet stellen, aber ich glaube kaum, dass das ein Problem wird – Zeitungen leben von der Aktualität, wenn man eine Zeitung wirklich lesen will, wird man nicht jeden Tag erst mühsam nach irgendeinem Raubkopierer suchen, der sie online stellt.

Aber wie sieht es mit Büchern aus? Man kriegt heute ziemlich gute gescannte E-Books hin. Bisher ist es noch so, dass die meisten Leute doch lieber etwas „gebundenes“ in Händen halten, aber die Endgeräte werden immer handlicher – das wird also nicht ewig ein Argument sein. Zeitungen und Magazine haben den Vorteil, dass sie von einer gewissen Aktualität profitieren, Bücher hingegen sind eher langlebig. Gewissen Autoren kann man vielleicht noch zumuten, ihr Geld durch Lesungen zu verdienen – vorzugsweise über erfundene Geschichten oder Erlebnisberichte. Bei wissenschaftlichen Büchern sieht das bereits anders aus. Andererseits können Wissenschaftler ihr Geld auch durch Forschung und direkte Lehre verdienen – Fachbücher würden dann wegfallen, und Wissen würde sich durch Vorträge und Vortragsskripten erarbeitet, oder eben doch durch frei verfügbare Fachbücher. Trotzdem sehe ich hier eines der größeren Probleme beim „Freigeben“ des Internets.

Und bei Software. Nun, ich bin zwar ein Anhänger der freien Softwarebewegung, aber realistisch betrachtet kommt sehr viel gute Software aus kommerzieller Hand. Nun, die User-Software wird wohl immer mehr in Webanwendungen verschwinden, die man wiederum kostenpflichtig machen kann – eine große Gefahr an anderer Stelle, aber zumindest hier kein Problem. Außerdem kann man von User-Software wohl auch durch Maintenance leben. Und bei Software für Unternehmen? Nun, Unternehmen kann man wohl besser kontrollieren als Nutzer. Ein Großunternehmen wird kaum gecrackte Software benutzen – zumindest hier könnte man hier das alte Urheberrecht noch einigermaßen effektiv durchsetzen. Außerdem kaufen Unternehmen in der Regel nicht nur Software, sondern gleich Hardware, und beides muss aufeinander abgestimmt sein. Und Hardware ist wiederum materiell – fällt also unter das gute alte Recht.

Alle kommerziellen Nutzer des Internets die mir einfielen – außer vielleicht manche Buchautoren – die Minderheit – haben also noch andere Einnahmequellen als nichtmaterielle Daten. Wenn man den Priestern des Kapitalismus glaubt, würde also nach einer Befreiung des Internets der Markt alles wieder ins Lot bringen – und ehrlichgesagt glaube ich das auch.

Das wird sich aber nicht durchsetzen lassen – ganz realistisch betrachtet. Man wird dem Volk das nicht vermitteln können, es wird sich nie eine politische Mehrheit finden, und starker Lobbyismus würde sich dagegen wehren. Es ist vollkommen unrealistisch zu glauben, dass sich so etwas durchsetzen kann.

Die Kulturflatrate ist da ein Kompromiss – man müsste halt dafür sorgen, dass die Kontrolle nicht in die alleinigen Hände der Industrie gerät, es muss ein Verband der Internetnutzer sein, der sie kontrolliert – aller Internetnutzer, auch der „Konsumenten“. Es ist ein Modell das seine Schwächen hat. Aber Verbände wie die Piratenpartei haben ohnehin schon damit zu kämpfen, dass sie „für kostenlose Downloads“ wären – und werden dafür verlacht. Daran sieht man, dass das Volk nicht informiert genug ist, um ein anderes Modell anzuerkennen, es tut sich ja schon mit der Kulturflatrate schwer.

Eine weitere Lösung, die mir einfiele, wäre, tatsächlich ein Verbraucher-Nutzer-Prinzip im Internet einzuführen. Wer Content produziert bekommt dafür vom Provider Geld, wer ihn konsumiert zahlt. Die Provider bekommen unabhängig davon ihre Flatrates. Das System könnte man ziemlich lowlevel gestalten, indem man einfach die Trafficbilanz hernimmt. Unternehmen könnten ihren Traffic auf Privatcomputer auslagern (zum Beispiel durch signierte Downloads, um Fälschungssicherheit zu garantieren), sodass man quasi kostenlos surfen kann, solange man hinreichend Upload von seinem Rechner anderen Leuten zur Verfügung stellt. Das würde natürlich voraussetzen dass jeder eine symmetrische Internetleitung besitzt, die Asymmetrie müsste man also mit einberechnen.

Nun, das ist ein unausgegorener Vorschlag meinerseits, es gibt sicherlich viele Probleme, über die man noch nachdenken müsste. Kritische Kommentare dazu sind dementsprechend ausdrücklich erwünscht!

4 Antworten zu Kulturflatrate – Segen oder Fluch?

  1. Das Hauptproblem, das ich dabei sehe:

    Die Content-Industrie wird nicht wollen, daß noch jemand anders außer ihr bei der Sache ein Wörtchen mitspricht. Wie es bei der GEMA eben jetzt auch ist.

    Sollte es also dann tatsächlich bald dazu kommen, daß die Industrie den Rettungsanker KF ergreift (was ich für wahrscheinlich halte), dann bleibt einem als Nutzer oder Künstler nur der Widerstand.

    Und das Ergebnis dieses Widerstands ist wohl noch nicht abzusehen.

  2. dasuxullebt sagt:

    Nun, im Moment forcieren ja alle Leute die Kulturflatrate. Ich glaube kaum dass sich besonders schnell ein Widerstand bilden wird. Die Kulturflatrate wird denke ich auf jeden Fall kommen, anstatt sich dagegen zu wehren sollte man eben lieber versuchen, die genannten Bedingungen – eben Kontrolle durch ein unabhängiges Gremium – durchzusetzen.

  3. Die KF ist eine junge Idee, und wir sind gerade mittendrin in der Diskussion. Von daher kann ich dir nicht zustimmen, daß sich das Ergebnis nicht ändern läßt.

    Wichtiger wäre es daher, die KF-Fanboys, die eigentlich keine sein sollten (also alle außer der Content-Industrie) über die Probleme einer KF aufzuklären.

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