Internet sieht geistige Verarmung in Köhler

Naja, vielleicht nicht das ganze Internet, aber ich erlaube mir mal die Mutmaßung, ein Großteil der häufigen Internetnutzer wird es so sehen, wenn ich das hier lese. Zitat:

„Ich finde es nicht gut, dass viele inzwischen durch die Möglichkeiten des Internets einen Anspruch auf kostenlose Nutzung künstlerischer und geistiger Produktion zu haben glauben. Das ist eine Art geistiger Ausbeutung oder gar Enteignung.“

Hui, es überrascht mich immer wieder, wie wenig Politiker doch von den Zusammenhängen mitbekommen, von denen ich eigentlich erwarte, dass jeder der sich einigermaßen damit beschäftigt sie mitbekommt. Tauss hat dazu etwas interessantes gesagt, nämlich, Zitat:

„Auf die Frage eines Bürgers (…) antwortete Tauss (…) die Abgeordneten empfänden das Netz (…) möglicherweise sogar als Bedrohung. Sie nähmen es nicht als technisches Netz oder als Kommunikationsinfrastruktur wahr und verstünden nichts von Netzneutralität. Stattdessen sähen sie das Internet nicht nur als etwas, wo man Böses bekommen könne, sondern wo es auch herkomme (…).“

Das klingt plausibel und gilt sicherlich nicht nur für SPD-Parlamentarier sondern generell für ältere Politiker wie auch den Bundespräsidenten. Na gut, könnte man meinen, wahrscheinlich von der Musikindustrie gekauft oder unter Druck gesetzt, eigentlich nichts besonderes – ein Zitat über das diese sich freut, der intelligente Internetnutzer sich ärgert, aber im Grunde keiner sich schert. Aber es geht ja noch weiter. Zitat:

„‚Die Vorstellung vom armen Poeten gehört – dem Urheberrecht sei Dank – dem vorigen Jahrhundert an‘, sagte Köhler. Letztlich werde die künstlerische und geistige Vielfalt Schaden nehmen, wenn die Schöpfer der Inhalte davon keinen angemessenen Nutzen hätten.“

Das ist genau diese geniale Auffassung, die mich – und man verzeihe mir, dass ich mich nicht gewählter ausdrücken kann – so dermaßen ankotzt. Diese ultimative Glorifizierung des Kapitalismus. Nichts schadet der künstlerischen und geistigen Vielfalt so sehr wie der Wille, mit seinen Erzeugnissen Geld zu verdienen. Das mag vereinzelt gut gehen, aber generell eher nicht.

Wie viele Leute beschweren sich denn über den Werteverfall im Fernsehen und in der Musik, oder beschweren sich darüber, dass Dieter Bohlen inzwischen einer der erfolgreichsten deutschen Buchautoren ist? Wie viele der Arte- und Öffentlich-Rechtlichen-Kucker gibt es, die meinen, die gesamtheit der anderen, privaten Fernsehsender könnte man in die Tonne treten? Aber die Öffentlich-Rechtlichen finanzieren sich eben weniger durch rechtmäßig erwirtschaftetes Geld als durch eine gesetzlich vorgeschriebene Gebühr. Deshalb sind sie auch in manchen Aspekten besser als die Privatsender.

Nein, die Zeiten des armen Poeten sind nicht vorbei, sie werden nur durch die vielen reichen Poeten in den Schatten gestellt. Wo sich Kunst der Mehrheit anpassen muss, da ist wahrer geistiger Verfall.

Gleiches gilt für die Wissenschaft: Die erste Frage der meisten Wirtschaftsnoobs zur Forschung ist doch immer „wozu ist das gut?“. Ich kann mich an eine Führung durch das Deutsche Luft und Raumfahrtzentrum erinnern, an der ich mal teilnahm, wo ein anderer Teilnehmer sagte „ich sehe hier nur eine riesige Geldverschwendung“. Ja! Genau! Die sollen lieber MP3-Player produzieren als zu versuchen auf den Mars zu fliegen!

Das ist die Realität! Aber die Realität ist auch, dass die wirklich gute, innovative Kunst und Wissenschaft, in gleicher Weise, etwas ist, was eben fast nur durch persönliche Überzeugung entstehen kann, und diese kann aus finanziellen Überlegungen heraus zwar zerstört, aber nur selten geschaffen werden. Forschung und Kunst für Geld sind sicher nicht durch die Bank schlecht, aber das geistige Spektrum würde doch sehr eingeschränkt werden, wenn man sich auf sie beschränkt.

Aber mal zurück zum Bundespräsidenten. Ich frage mich, ob er nichts besseres zu tun hat, als sich über Urheberrechtsverletzungen im Internet auszulassen? Der Bundestag hat in letzter Zeit einige umstrittene Gesetze beschlossen die vom Bundesverfassungsgericht als nicht Verfassungskonform eingestuft wurden – eine bedenkliche Sitation, zu der man als Bundespräsident, Mithüter unseres Grundgesetzes, vielleicht doch mal ein paar mahnende Worte verlieren könnte.

Gleichermaßen sollte man als Bundespräsident vielleicht auf Schreiben von Bürgern, die sich ernsthafte begründete Sorgen um unsere freiheitliche, demokratische Ordnung machen, und sich bittend an ihn wenden, wenigstens ein paar warme Worte übrig haben, anstatt hunderte Einträge auf seinem Internet-Gästebuch zu ignorieren.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: