Essen ohne Schuld?

Diese Frage (oder wie auch immer man diese drei Wörter mit dem Fragezeichen auch nennen mag) stellte sich vor einiger Zeit die taz. Und zwar in einem dieser Zeitungsartikel, die ich überhaupt nicht leiden kann: Da, wo ein Journalist seine eigene Meinung breittritt. Der Untertitel lautet „Tofu in der Kulturkritik“ – ich frage mich nur, in welcher Kulturkritik? Eigentlich doch erstmal nur in der Kritik des Autors dieses Artikels, der seine persönlichen Geschmackserfahrungen beschreibt.

Nun, zunächst mal folgt in dem Artikel ein Brainstorming an Tofu-Bashings. Wie schlecht doch Räuchertofu schmecke, und überhaupt dass Tofu nur den Geschmack der Gewürze um sich herum annehme, und und und. Nun, Tofu ist ein Placeboessen, da stimme ich zu. Es ergänzt andere Nahrungsmittel, und kann fast jeden Geschmack annehmen. Der subtile Eigengeschmack des unbehandelten Tofu erinnert eher an Schrot als an irgendetwas fleischliches. Aus diesem Grund essen auch die wenigsten Leute Tofu roh. Gebraten sieht das wiederum ganz anders aus – ähnlich zu Fleisch ergibt sich eine Bratkruste, die sehr gut schmeckt. Mit entsprechender Marinade, die ins Innere des Tofus gesaugt wird, kann das Tofu sehr gut schmecken.

Räuchertofu schmeckt ebenfalls nicht nur nach Rauch. Ich kenne selbst Fleischesser, die Räuchertofu einen guten Geschmack zusprechen, manch einer meint sogar, es würde ein wenig nach Leber schmecken, ich vermag das nicht zu beurteilen, jedenfalls ist der Geschmack auch nach meinem Empfinden gut.

Auberginen – die der Autor positiv erwähnt – mag ich hingegen garnicht. Gebratene Auberginen schmecken für mich einfach nach nichts. Nun, das beweist nur, dass Geschmäcker verschieden sind. Über Geschmack lässt sich streiten – deshalb sollte man ihn auch nicht unbedingt zur „Kulturkritik“ erheben. Aber was solls.

Das Bashing geht ja noch weiter. Es geht ja garnicht um Tofu an sich, sondern darum, dass Tofu bisweilen als Fleischersatz gilt. Nun, rein Nährstofftechnisch ist das meines Wissens garnicht so falsch, enthält Tofu doch sehr viele Proteine. Er lässt sich auch ähnlich verarbeiten und essen. Der Geschmack ist anders als Fleisch, bisweilen gibt es einen Fleischähnlichen Geschmack, aber tatsächlich finde ich es falsch, zu behaupten, Tofu würde Fleischartig schmecken.

Es ist ein Fleischersatz. Genauso wie viele andere Ersatzprodukte für Fleisch – es ist ja nicht so, dass Tofu das Einzige wäre, womit man versucht, Fleisch nachzuahmen. Wer den Schritt z.B. ins Reformhaus wagt wird eine große Palette an Ersatzprodukten finden. Von „Vegetarischen Würsten“ bis hin zum „Soja-Schnitzel“ findet man einen Haufen Zeug, das in Aussehen und Geschmack dem Fleisch nachempfunden ist.

Nun, wie in allen Wirtschaftszweigen geht es wohl auch hier darum, dass man Kunden am besten wirbt, indem man ein Produkt erzeugt, das gut aussieht. Und der junge Vegetarier, der eben doch noch ein wenig Fleischhunger zu stillen hat, wird dementsprechend durch diese Produkte angelockt. Ich finde das nicht sinnvoll, aber auch nicht verwerflich.

Vor Allem aber: Warum ist es falsch, eine „Vegetarische Wurst“ anzubieten. „Wurst“ bezeichnet eine Form, keinen Inhalt. Bei dem Begriff „Schnitzel“ ist das etwas anderes, aber „Wurst“ ist ein zu indefiniter Begriff, als dass man sagen könnte, die Leichenfresser hätten ein Vorrecht darauf. Aber lassen wir das.

Um das eigene gewissen zu beruhigen fallen Leuten die lustigsten Ausreden ein, warum sie nicht Vegetarisch bzw. Vegan leben. Von den wirtschaftlichen Aspekten, pseudoreligiösen Argumenten, bis hin zur humanistischen Haltung, der Mensch habe das Recht fleisch zu essen, weil er es kann, man hört allerlei Schwachsinn, und dieser ist wiederum bei den Wenigsten Leuten in irgendeiner Weise reflektiert. Ähnlich geht es offenbar diesem Journalisten, Zitat:

„Wer sich beim Grillabend mit Freunden eine Tofuwurst grillt, kann weiter am sozialen Leben der fleischessenden Mehrheit teilhaben. Doch warum können und wollen Vegetarier nicht auf Fleischgeschmack verzichten? Und weshalb greifen sie wirklich zu Tofu mit Wurstaroma, obwohl sie Fleisch strikt ablehnen? Hier zeigt sich, dass der Drang wohl stärker ist als der Wille zum Verzicht (…). Der Vegetarismus ist eine Ernährungsform voller Widersprüche.“

Na dann kann man ja wieder guten Gewissens Leichenteile in sich hineinstopfen, um Widersprüche zu vermeiden. Was für ein Schwachfug. Ich verstehe nicht, was an der Haltung „ich will nicht, dass ein Tier für mich stirbt“ so schwer zu verstehen ist, dass immernoch so viele Leute sie so dermaßen verdrehen können. Klar ist es ein gewisser Widerspruch, dann trotzdem Milch zu konsumieren, denn auch für Milch sterben Tiere indirekt, diesen Problemen nimmt sich der Veganismus an, der ein Verzicht auf alle Tierprodukte fordert. Aber auch hier gilt: Niemand hat behauptet, Fleisch würde nicht schmecken.

Ich als Vegetarier sage häufig, Fleisch hat mir früher sehr gut geschmeckt. Inzwischen gibt es einige Fleischsorten, die ich nicht mehr riechen kann, aber der Geruch von gebratenem Geflügel lässt mir auch heute noch bisweilen das Wasser im Munde zusammenlaufen. Inwiefern ist das denn ein Widerspruch? Es ist ein Trieb. Ein Trieb, den ich mit meinem Verstand unter Kontrolle halte, weil ich weiß, dass er mich zu etwas Falschem verleiten will. Vegetarismus bedeutet in erster Linie Verzicht. Es gibt Ersatzprodukte, die einem dabei helfen, den Fleischhunger, den man gerade als neuer Vegetarier wohl häufig hat, zu zähmen, und das gesellschaftliche Leben, zum Beispiel die genannten Grillabende, weiter zu verfolgen. Trotzdem sind das Ersatzprodukte – kein echtes Fleisch, weder in Konsistenz noch Geschmack, aber es musste eben kein Tier dafür sterben.

Und da der Autor sich die Frage stellt, wie es mit dem Sojaanbau aussieht, und überhaupt, wie ungerecht es doch sei, dass sich nur die reichen Leute das ethisch unbedenkliche Bio-Soja kaufen können, möchte ich zum Einen anmerken, dass es kaum ein Produkt gibt, bei dem man sich diese Fragen nicht stellen muss, beginnend bei Kaffee, über Schokolade, Kleidung, Elektrogeräte. Zumindest in Puncto Essen kann ich dem nach eigenen Angaben also offenbar unwissenden Journalisten die Lektüre des Buches „Eating“ von Peter Singer empfehlen, darin wird genau darauf eingegangen – wie gut ist ein „Essen ohne Schuld“ möglich? Aber Vorsicht, das Buch kann ziemlich unangenehme Wahrheiten über das eigene Verhalten ans Licht bringen, vielleicht ist es manch einem doch lieber, nichts darüber zu wissen – um Widersprüche zu vermeiden, versteht sich.

2 Antworten zu Essen ohne Schuld?

  1. Nachrichten sagt:

    Ein sehr interessanter Artikel. Sollten Sie noch weitere Informationen haben – wurde ich mich freuen

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