Junge Politiker

Im Artikel „Kinder an die Macht“  der Taz.de wird von dem 27 Jahre „jungen“ Bürgermeister Zimmermann in Monheim berichtet. Ein durchaus lesenswerter Artikel. Er und einige andere Leute gründeten 1998 eine Partei namens Peto („ich fordere“), die als Hobbyprojekt anfing, es bald in den Stadtrat schaffte, und nun sogar den Bürgermeister stellt. Ein sehr lesenswerter Artikel und eine sehr interessante Erfolgsgeschichte.

Nun, so wie ich diesen Artikel verstehe, ist das Erfolgsrezept der Partei weniger, dass sie aus vergleichsweise jüngeren Leuten besteht, sondern Zitat: „Das sind keine Parteibonzen, die sind mit dem Herzen dabei.“ Es sind also Leute, die wirklich gerne Politik betreiben, und auch noch Ideologie dabei haben. Und in der Tat fehlt das der modernen Politik häufig.

Das Problem ist, dass in den großen, etablierten Parteien, häufig gerade die Leute an die Spitze kommen, die mit akademischen oder sonstigen Titeln punkten können – in der Kommunalpolitik vielleicht weniger, aber im größeren Umfeld durchaus. Da ergeben sich dann Leute, die – kaum fertig mit dem Studium – in die Politik gehen und Berufspolitiker werden, und das Klischee des Politikers, der nichts von der Realität versteht und deswegen in die Politik geht, erfüllen. Das ist auch der Grund, warum ich den Slogan, es solle mehr junge Leute in der Politik geben, kritisch sehe. Wer mit zweiundzwanzig Jahren in die Politik geht, wird wenig Chancen haben, danach noch etwas anderes zu tun, und läuft dann Gefahr, irgendwann als alter Sack, der eben nach seinem zweiundzwanzigsten Lebensjahr nichts mehr von der Realität mitbekommen hat, ebenfalls zu einem Polit-Zombi zu werden.

Aber warum will man überhaupt junge Leute in der Politik? Der Hintergedanke ist, dass junge Leute die Interessen junger Leute besser vertreten könnten. Da ist vermutlich sogar was Wahres dran. Ich glaube aber garnicht, dass das Problem ist, dass sie die Interessen besser vertreten können, sondern dass die älteren Politiker zwar mit vermeintlicher Erfahrung und akademischen Titeln glänzen können, aber es schlichtweg nicht für notwendig empfinden, sich um die Belange der jüngeren Leute zu kümmern. Mir kommt es sogar manchmal so vor, als würden viele Spitzenpolitiker die Jugend grundsätzlich als „Verdorben“ ansehen, und moderne Jugendkultur grundsätzlich verurteilen, oder zumindest nichts davon wissen wollen. Ich kann es zwar nicht mit Zitaten belegen (könnte ich, ist mir jetzt aber zu aufwendig), aber diesen Eindruck habe offenbar nicht nur ich. Es wird den Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwar immer mehr abverlangt, aber mehr Rechte will man ihnen eigentlich nicht zugestehen – das Zeigen zum Beispiel die bekannten Diskussionen über ein herabsetzen des Wahlalters. Man beschwert sich zwar überall über die Politikverdrossenheit, aber es drängt sich der Eindruck auf, als würde man zwar wollen, dass die Jugend sich politisch engagiert, aber wenn, dann doch bitteschön konform mit den großen etablierten Parteien. Wenn aus einer überwiegenden Jugendkultur eine Partei erwächst (die wohlgemerkt nicht die Erste ist), die größere Erfolge für sich verbuchen kann, dann wird sie erst ignoriert, dann wird sie von allen Seiten kritisiert. Und jüngst ist es diesen verdorbenen Leuten sogar gelungen, eine Petition einzureichen, die gekonnt ignoriert wurde, und ich denke, Jörg Tauss brachte die Sachlage gut auf den Punkt: „Wie soll ich Zehntausenden junger Menschen, die hier eine Petition einbringen, erklären, dass sie dies hätten bleiben lassen können, weil alte graue Herren mit Kugelschreiber keine Argumente hören wollen?“

Ich denke, man wird sich einig sein, dass es so ja eigentlich nicht gedacht ist. Politiker sind dazu da, die Belange des gesamten Volkes zu berücksichtigen, auch von Minderheiten. Die Jugend kann sich wenigstens noch einigermaßen wehren. Es gibt auch Leute, die das nicht so gut können.

Aber ob die Lösung wirklich junge Politiker sind? Klar, kurzfristig wird zumindest dieses Problem damit gelöst. Aber langfristig? Langfristig werden wir damit viele neue Polit-Zombies erzeugen. Ich fände es sinnvoller, zu versuchen, den älteren Menschen die Jugendkultur näher zu bringen. Ich fände es sinnvoll, wenn Politiker mindestens zehn Jahre im Reallife unterwegs wären, bevor sie in die Politik gehen. Das soll natürlich keineswegs heißen, dass ich gegen junge Politiker bin. Im Gegenteil. Wer sich zur Politik berufen fühlt, der soll in die Politik gehen. Als Jugendlicher fühlt man sich wohl von Jugendlichen am besten vertreten. Ich glaube nur nicht, dass das letztendlich die Probleme, die man damit lösen will, lösen kann. Eine Lösung läge vielmehr darin, sich zu bemühen, dass alle Beteiligten sich gegenseitig respektieren, ernstnehmen, und versuchen, sich zu verstehen.

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