Warum es keinen „Sinn des Lebens“ gibt

Die Frage nach dem Sinn des Lebens stellen sich viele Leute, sie beschäftigt Philosophie und Wissenschaft seit Jahrhunderten. Und immer wieder scheinen Leute einen vermeintlichen Sinn zu finden.

Da ich wohl immernoch einen großteil meiner Blogleser persönlich kenne, ist mir freilich bewusst, dass sie der Aussage, das Leben sei sinnlos, wohl zustimmen würden, oder die nachfolgenden Ausführungen für sie keine wirklich neuen Erkenntnisse bringen. Aber es ist spät, und ich finde keine andere Beschäftigung, als diesen Blogeintrag zu schreiben, da ich für das Arbeiten zu müde bin. Also bitte ich um Entschuldigung.

Nunja, viele Leute haben bereits erkannt, dass das Leben sinnlos ist. Manch einer leitet daraus Selbstmordgedanken ab, manch einer labert sich den Sinn so hin, dass er doch irgendsowas findet, manch einer denkt nicht weiter darüber nach. Was ich selten höre ist, dass man das Konzept des Sinns klar hinterfragt.

Nun, das will ich hier jetzt mal tun. Ich drösele jetzt zwar nur das triviale Argument „das Leben ist Sinnlos weil man alles, was ihm einen Sinn geben könnte, wieder hinterfragen kann“ etwas formaler auf, aber ich habe den Eindruck, dass kompliziertere „wissenschaftlichere“ Ausdrucksweisen irgendwie besser ankommen als einfache Sinnsprüche.

Nun, wir wollen unserem Leben einen Sinn geben. Zuerst versuchen wir doch mal zu formalisieren, was wir von diesem „Sinn“ erwarten.

Zunächst ist Sinn eine zweistellige Relation. Wenn eine Sache A einen Sinn hat, gibt es eine Sache B, die der Sinn von A ist. Wir können also definieren, S(A,B) ≔ „A hat den Sinn B“. Das ist bereits eine einigermaßen wichtige Erkenntnis, die nicht jedem bewusst zu sein scheint) – Sinn ist intuitiv nichts absolutes, sondern etwas relatives.

Nun, was wir pragmatischerweise nicht wollen, ist, dass sich etwas selbst Sinn gibt. Freilich hat letztendlich alles sich selbst als Sinn – wenn ich eine Sache tue, dann tue ich sie auch um sie zu tun. Das heißt, man kann allgemein fordern, S(A,A). Aber wenn wir nach dem Sinn von einer Sache A fragen, meinen wir meistens, eine Sache B, die von A verschieden ist. Also defineren wir eine weitere Relation Sinn(A, B) ≔ S(A,B)∧A≠B. Sinn(A,B) bedeutet also, A hat den Sinn B, wobei B verschieden von A ist. Wir können ‚Sinn‘ über ‚S‘ definieren, aber praktischer ist es wohl, ‚Sinn‘ direkt atomar zu definieren. Dazu fügen wir das folgende Axiom hinzu: ¬Sinn(A,A) – nichts kann sich selbst Sinn geben.

Weiterhin entspricht es dem naiven Verständnis, dass diese Relation transitiv ist. Hat A den Sinn B, und B den Sinn C, so hat auch A den Sinn C. Also Sinn(A,B)∧Sinn(B,C)→Sinn(A,C).

Nun wollen wir die Sinnlosigkeit definieren. Nun, zunächst definieren wir „Völlig Sinnlos“ als die Tatsache, dass etwas überhaupt keinen Sinn hat: VSinnlos ≔ ¬∃B Sinn(A, B)

Wenn wir nun sagen, dass etwas sinnlos sei, meinen wir in der Regel, etwas sei völlig sinnlos in der oben genannten Bedeutung, oder es gibt nichts von diesem verschiedenes, das ihm Sinn gibt, außer, es ist selbst sinnlos. Formal: Sinnlos(A) ≔ VSinnlos(A)⋁∀B(Sinn(A,B)→Sinnlos(B)).

Nennen wir das Leben mal L. So, wir suchen nach dem Sinn des Lebens, nennen wir den mal U („Uber“). Was wollen wir von U. Zuerstmal klarerweise Sinn(L, U). Daraus folgt trivialerweise U≠L.

Nungut, so ein U finden wir freilich recht schnell. Sinn des Lebens ist zum Beispiel schon die Erhaltung der eigenen Art. Aber die Erhaltung der eigenen Art ist keine befriedigende Antwort, denn man kann sie ebenfalls hinterfragen. Wir wollen aber etwas nicht-hinterfragbares. Sozusagen einen „maximalen“ Sinn. Wenn irgendetwas anderes C dem Leben einen Sinn gibt, soll U auch der Sinn von C sein. Also Sinn(L,C)∧C≠U→Sinn(C,U).

Und natürlich wollen wir nicht, dass das, was dem Leben Sinn gibt, sinnlos ist. Also ¬Sinnlos(U).

Tragen wir also nochmal unsere Forderungen zusammen:

Irreflexivität: ¬Sinn(A,A)

Transitivität: Sinn(A,B)∧Sinn(B,C)→Sinn(A,C)

U ist Sinn von L: Sinn(L, U)

U ist maximaler Sinn von L: Sinn(L,C)∧C≠U→Sinn(C,U)

U ist nicht sinnlos: ¬Sinnlos(U)

Es gilt ¬Sinnlos(U) = ¬(VSinnlos(A)⋁∀B(Sinn(A,B)→Sinnlos(B))) ⇒ ¬VSinnlos(A)∧¬∀B(Sinn(A,B)→Sinnlos(B)) ⇒ ¬VSinnlos(A) = ¬¬∃B Sinn(A, B) ⇒ ∃B Sinn(A, B). Es gibt also ein B, das U einen Sinn gibt. Wir wählen so ein B, also Sinn(U, B). Dann gilt wegen Irreflexivität U≠B. Wegen Transitivität gilt Sinn(L,B). Da U maximaler Sinn von L ist, gilt somit Sinn(B,U). Also Sinn(U,B) und Sinn(B,U). Das heißt mit Transitivität Sinn(U,U). Das Widerspricht der Irreflexivität.

So ein U gibt es also nicht. Es bringt also nichts, danach zu suchen. Warum suchen wir trotzdem danach? Nun, man hätte so etwas gerne. Das Leben ist mit vielen Widrigkeiten verbunden. Man hätte eben gerne irgendetwas, was diese Widrigkeiten rechtfertigt. Und früher war zum Beispiel die Antwort, der Sinn des Lebens sei es, Gott zu dienen, befriedigend. Denn es war ein Dogma. Und an Dogmen hat man sich gehalten. Heute, wo man alles hinterfragt, ist es immernoch – gerade für mich als Christen – eine sinnvolle Aussage, zu sagen, Gott zu dienen sei der Sinn des Lebens – es ist nur keine befriedigende Antwort der gestellten Frage, denn wir wollen ja nicht irgendeinen Sinn, wir wollen den Sinn, und wenn ich mir wirklich ernsthaft die Frage nach dem Sinn des Lebens stelle, kann ich natürlich auch Gott hinterfragen.

Der Punkt ist ein ganz anderer: Die obigen Forderungen an den „Sinn des Lebens“ sind inkonsistent. So ein U, das wir oben gesucht haben, gibt es nicht. Die Sinn-Relation ist eine gute Relation für pragmatische Überlegungen. Aber sie eignet sich schlichtweg nicht, um eine Motivation zu leben zu geben. Gott kann eine solche Motivation sein. Das Maximum-Happiness-Principle ebenfalls. Der Wille, nach dem Tod nicht vergessen zu werden, kann eine solche Motivation sein. Arterhaltung kann eine solche Motivation sein. Es gibt viele Motivationen, die Leute dazu bewegt, zu leben. Aber keine ist der Sinn des Lebens. Sinn ist kein Konzept, sich zum Leben zu motivieren.

Und nun, da wir das geklärt haben, noch ein YouTube-Video, das, wie ich meine, hervorragend zu diesem Thema passt:

9 Antworten zu Warum es keinen „Sinn des Lebens“ gibt

  1. Soern sagt:

    Ein Anwalt, ein Arzt und ein Mathematiker diskutieren, ob eine Frau oder eine Freundin besser ist.
    Anwalt: „Eine Freundin ist viel besser. Wenn man sich scheiden lassen will, dann treten alle möglich juristischen Komplikationen auf.“
    Arzt: „Eine Frau ist besser. Die kann dir Sicherheit vermitteln. dadurch wird Stress abgebaut und man lebt länger.“
    Mathematiker: „Am Besten ist es, wenn man eine Frau und eine Freundin hat. Wenn deine Freundin denkt, du bist bei deiner Frau, und deine Frau denkt, du bist bei deiner Freundin, dann kannst du wenigstens in Ruhe ein bisschen Mathe machen.

  2. Soern sagt:

    Bitte nicht persönlich nehmen.

  3. dasuxullebt sagt:

    Ich seh nicht ganz den Zusammenhang.

  4. „Dazu fügen wir das folgende Axiom hinzu: ¬Sinn(A,A) – nichts kann sich selbst Sinn geben.“

    Uuh, schlechtes Axiom. :(

    Jeder Existenzialist würde widersprechen.

  5. dasuxullebt sagt:

    Ich sagte ja, im Grunde gibt sich alles selbst Sinn. Aber das ist keine wirklich befriedigende Antwort auf die Frage.

    Der Existenzialismus – soweit ich das verstehe – stellt sich aber garnicht die Frage nach dem Sinn des Lebens. Denn das wäre ja die Frage nach irgendetwas, was vor der Existenz kommt.

  6. derzberb sagt:

    Warum ist es nicht befriedigend, daß sich etwas selbst den Sinn gibt?

    Stell dir vor, es gibt ihn, DEN Sinn des Lebens – und er ist alles andere als befriedigend.

    Warum sollte es von Belang sein (für die Frage nach der EXISTENZ), ob der Sinn befriedigend ist?

  7. dasuxullebt sagt:

    Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist eine Frage, deren Ziel es ist, eine Motivation zu finden, um zu leben. Und sie endet nicht selten mit der Erkenntnis, dass kein Sinn existiert, was sehr enttäuschend ist. Es ist also durchaus von Belang, dass der Sinn befriedigend ist.

    Und letztendlich gibt (wie ich schon sagte) sich alles selbst Sinn. Also wäre der Sinn des Lebens das Leben selbst. Das ist aber für jemanden, der sich danach fragt, und einigermaßen bei Verstand ist, keine befriedigende Antwort. Vielleicht für super-zufriedene Sonnenscheinkinder, aber nicht für Leute, deren Leben für diese eher mit Widrigkeiten verbunden ist.

  8. DerSchreiber sagt:

    Sie haben recht ! Darum ist auch das, was sie schreiben folglich nichts als „U“nsinn ! ! !

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: