Namen

Eine Frage, gegen die ich in Chats und Internetforen, aber auch teilweise im echten Leben allergisch bin, ist die Frage nach Namen von Personen.  Hier findet sich auch eines der wenigen Goethe-Zitate, die ich – trotz meiner Goethe-Ablehnung – gerne bringe: Namen sind Schall und Rauch. Ich werde hier versuchen, dies genauer zu begründen.

Die grundsätzliche Frage, die man sich stellen muss, ist, welche Funktion ein Name hat.

Im echten Leben ist ein Name zum Beispiel sinnvoll, um eine Möglichkeit zu haben, eine Person direkt anzusprechen, oder über diese Person zu sprechen. So ist die Frage nach dem Namen eines unbekannten Gesprächspartners zumeist eher die Frage nach einer gewünschten Anrede, die natürlich sinnvollerweise mit dem formal festgelegten Namen gleich ist. Im Internet ist das jedoch anders. In Chats und Foren hat man zum Beispiel grundsätzlich einen Nickname, der einem eindeutig zuzuordnen ist, mit dem man eine Person ansprechen und über eine Person sprechen kann. Sollte es sich also nicht um irgendeinen Vereins-Chatroom oder Ähnliches handeln, in dem Personen sind, die sich auch im realen Leben häufiger treffen, erübrigt sich die Frage nach dem RealName eigentlich normalerweise, zumindest sehe ich im Allgemeinen keinen Grund, sich für den RealName einer Person zu interessieren, außer in speziellen Fällen, zum Beispiel um nach dieser Person zu Gugeln, etc.

Ähnliches gibt es aber durchaus auch im realen Leben. Wenn ich etwas von einer neu kennengelernten Person erzähle, so werde ich ebenfalls oft als erstes nach dem Namen gefragt, ja, es scheint, als würde viele Personen der Name mehr interessieren als der Grund warum ich von der betreffenden Person erzähle.

Nunja, an sich ist es auch nichts verwerfliches, irgendwann nach dem Namen einer Person zu fragen, andererseits stellen Namen eine Einteilung von Menschen in Gruppen dar, und selbst wenn jedem bewusst sein dürfte, dass diese Einteilung weitestgehend unabhängig von der Person die den Namen trägt und deren sonstigen Eigenschaften ist, so sehe ich doch die Gefahr, einen Menschen unbewusst in seinem Geist mit einer Eigenschaft zu stigmatisieren, weshalb ich es sinnvoll finde, sich zunächst anderweitig über einen Menschen von dem gerade erzählt wird zu informieren, bevor man seinen Namen kennt.

Sicherlich sagen Namen tatsächlich zumindest statistisch gesehen etwas über Menschen aus, so ist es zum Beispiel auffällig dass gerade junge Menschen aus den neuen Bundesländern oft englisch anmutende Namen wie „Sandy“ und „Steve“ tragen, ein Mensch mit dem Namen „Genofefa“ wird wohl eher sehr betagt sein und aus dem Alpenraum kommen, und so gibt es wohl generell Trends je nach Herkunft des Elternhauses. Die Herkunft eines Menschen interessiert mich aber in der Regel auch nur sekundär. Und wenn sie mich interessiert, werde ich direkt danach fragen, und nicht versuchen, das anhand des Namens zu schließen.

Alles andere halte ich aber für absoluten Mist. Leider kann ich mich dem unbewussten Klassifizieren von Menschen anhand derer Namen trotzdem nicht entziehen, das Unterbewusstsein ist tückisch. Tatsächlich, wenn ich darüber nachdenke, verbinde ich mit gewissen Namen gewisse Erwartungen, diese basieren auch meist auf „persönlichen Erfahrungswerten“. Um das mal zu analysieren (alle Anzahlen natürlich ohne Gewähr): Fünf der sechs Daniels die mir gerade einfallen sind Blond. Alle drei Kevins die mir gerade einfallen Stylen ihre Haare. Mit vier der fünf Maximilians die mir gerade einfallen verstehe ich mich sehr gut. Die vier Personen mit dem Namen Thomas, die mir gerade einfallen, klassifiziere ich alle als „seltsam im positiven Sinne“. Mit den Namen Julia, Stephan und Stefan verbinde ich Introvertiertheit, warum auch immer. Und meine eigenen Namen? Nun, die meisten Christophs die ich kenne haben überdurchschnittlich große Köpfe. Mit dem Namen „Simon“ verbinde ich extrovertiertheit (obwohl das – wenn ich darüber nachdenke – eigentlich nicht wirklich zutrifft auf die meisten Simons die mir gerade einfallen).

Was sagen nun diese Beispiele aus? Nun, sie sagen noch garnichts aus, wenn überhaupt müsste man wirklich eine große Menge von gleichnamigen Leuten miteinander vergleichen, um solche Eigenschaften festzustellen. Vermutlich würden meine persönlichen Erfahrungen dann auch schnell widerlegt werden. Aber nehmen wir an, sie würden nicht widerlegt werden. Nehmen wir zum Beispiel an, ein Großteil der Daniels wäre Blond. Es ist wohl sinnlos, anzunehmen, dass der Name Daniel dafür sorgt, dass Kinder Blond werden, und so läge in diesem Fall die Vermutung nahe, dass Eltern ähnlich wie ich den Namen Daniel mit Blonder Haarfarbe verbinden, und somit blonden Kindern eher den Namen Daniel geben, als dunkelhaarigen Kindern. Nehmen wir an, Julias wären wirklich eher Introvertiert. Auch hier glaube ich an keinen kausalen Zusammenhang, sondern wenn dann eher daran, dass ebenfalls viele Menschen den Namen Julia mit Introvertiertheit verbinden, und sich dementsprechend gegenüber Menschen mit dem Namen Julia verhalten, und damit ihr Verhalten beeinflussen. Auch, dass der Namen Christoph für große Köpfe sorgt halte ich für sinnfrei. Hier würde ich – sollte sich diese Beobachtung statistisch bestätigen lassen – schlichtweg von einem zufälligen Zusammenfallen sprechen, denn ich denke, für jede beliebig zusammengewürfelte Gruppe von Menschen findet man eine Eigenschaft, die sie alle teilen – ein Grund warum ich nur begrenzt viel von dieser Art von Statistik halte. Statistik kann dazu dienen, Vermutungen, die plausibel erscheinen, zu widerlegen oder zu untermauern, und Zusammenhänge zu finden, die vorher unbekannt waren, aber eine Statistik über Menschen an sich reicht für mich als Beweis für einen Zusammenhang nicht aus, wenn ihr keine durch den Verstand gegebene Evidenz zugrunde liegt.

Und ich denke, genau das ist es auch, was meine persönlichen Erfahrungen erzeugt: Zufällige Gemeinsamkeiten einer kleinen Gruppe von Menschen. Und so wie ich das mitbekommen habe, geht das anderen Menschen genauso, dass sie durch den Namen versuchen, sich einen Eindruck der betreffenden Person zu verschaffen.

Und genau das ist es, was ich nicht will. Ich bin schon dagegen, Menschen nach ihrem Aussehen zu beurteilen, aber das sagt wenigstens – da es zumindest in gewissem Maße beeinflussbar ist – minimale Dinge über einen Menschen aus. Ein Name sagt viel zu wenig aus, wenn überhaupt, als dass ich riskieren wollen würde, dafür einen falschen Eindruck eines Menschen zu bekommen.

Eine Antwort zu Namen

  1. Daß man Dich, wenn Du über eine Person erzählst, nach deren Namen fragt, ist insofern verständlich, daß es leichter ist, eine Person im Kopf zu behalten und Dinge (z.B. von Dir Erzähltes) mit ihr zu verbinden und sich zu merken, wenn man bereits etwas mit ihr verbindet. Wenn es sich dabei um ein bestimmtes Wort handelt, das konventionell zur Identifizierung dieser Person dient, und noch dazu um eines, das irgendwelche Assoziationen weckt — wie unzutreffend diese auch immer sein mögen — um so besser.

    Und in der Tat: Bevor ich Dich zum ersten Mal sah, habe ich mir Dein Aussehen und Deine Stimme ganz anders vorgestellt. Kein Problem — aber es war, vermute ich, wichtig für meine Psyche, überhaupt ein Bild zu haben.

    Frei erfundene Pseudonyme sind freilich eine Möglichkeit, die Assoziationen zu umgehen, die mit einem gegebenen Namen einhergehen. Sicherlich wecken auch sie wiederum Assoziationen, doch zumindest kann man diese einigermaßen steuern. Ein vorteilhafter Effekt davon, den man in Webforen wie in Chats auch beobachten kann, ist, daß kulturelle, geschlechterspezifische und andere Vorurteile bei der Beurteilung einer Person keine Rolle spielen können, wenn diese Charakteristika mangels Indizien gar nicht erkennbar sind.

    Andererseits hängt an einem Namen oft auch eine gewisse Reputation. Sicher gibt es Menschen, die unter verschiedenen Namen verschiedene Reputationen haben. Beispielsweise mag sich jemand in einem Forum zum Thema Züchtung von Riesenameisen unter einem Pseudonym einen Namen gemacht haben, während er im geschäftlichen Leben unter seinem gesetzlichen Namen eine Reputation als zuverlässiger Handwerker hat. In anderen Situationen ist die Trennung aber vielleicht nicht wünschenswert. So würde nämlicher Handwerker vielleicht in einem Handwerkerforum unter seinem gesetzlichen Namen auftreten, weil er dort von seinem im restlichen Leben erlangten und mit seinem gesetzlichen Namen verbundenen Handwerkeransehen profitieren bzw. umgekehrt dieses durch seine Betätigung im Forum erhöhen und so Kunden gewinnen möchte.

    Namen sind insofern also nicht Schall und Rauch. Sie sind notwendig, genau wie Vorurteile — anders gesagt: Verallgemeinerung — ein notwendiges Hilfsmittel des menschlichen Gehirns sind, um Gegebenheiten zu vereinfachen, die sonst zu komplex und abstrakt wären, um sie zu handhaben. Andererseits sollte die Verwendung von Pseudonymen nie unverhältnismäßig behindert werden, denn das Recht auf informationelle Selbstbestimmung ist ein hohes Gut.

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