Warum ich glaube, dass Killerspiele etwas gutes sind

Früher war meine Meinung zu aus meiner Sicht brutalen Spielen ziemlich klar: Mag ich nicht. Ich verabscheue Gewalt. Und es ist eine menschliche Eigenschaft, zu wollen, dass die eigenen ethischen Vorstellungen überall, auch in virtuellen Welten, gelten. Wer virtuelle Gewalt genießt, der genießt auch reale Gewalt – eine im Grunde berechtigte Annahme.

Diese Meinung hat sich jedoch im laufe der Zeit ziemlich stark verändert. Ich kann mich z.B. noch gut an ein Gespräch in meiner Grundschulzeit, mit meiner damaligen Lehrerin, erinnern. Ich habe schon immer gerne Videospiele gespielt, aber hatte schon damals die Auffassung, brutale Spiele seien etwas schlechtes. Das lag vor Allem daran, dass die damals als brutal geltenden Spiele wie Doom oder Hexen vor Allem von den „bösen“ Kindern gespielt wurden, nämlich denen, die sich gerne über den Willen der Autoritätspersonen hinwegsetzten. Als in diesem Gespräch dann das Töten von Koopas zur Sprache kam, stieg ich allerdings ziemlich schnell aus. Zu sehr mochte ich Super Mario Spiele. Es resultierte dann eine kognitive Dissonanz, die ich für mich dadurch löste, dass ich einen „gewissen Grad“ von Brutalität in Spielen als nicht verwerflich ansah.

Als ich dann älter wurde, und mehr über die Geschichte des Menschen erfahren habe, bröckelte diese Meinung nahezu ganz. Die Brutalität, die bereits aus der Antike übermittelt ist, zum Beispiel in Form von Kreuzigungen, Jochmärschen und Gladiatorenkämpfen, zeigt mir persönlich ziemlich deutlich, dass Brutalität offenbar ein Bedürfnis vieler Menschen ist. Brutale Theaterstücke, Horrorfilme und Kuriositäten wie Robot Wars scheinen mir durchaus eine moderne Form der Auslebung dieses Bedürfnisses zu sein.

Es scheint mir, als hätte es in jeder Gesellschaft irgendetwas in dieser Richtung gegeben, ob nun legal oder illegal. Ohne eine Quelle dafür zu haben, habe ich glaube ich auch gehört, dass selbst Primaten öfters mal dem Kannibalismus verfallen und sich ein Opfer aussuchen das sie zu Tode quälen. Freilich ist das keine Eigenschaft, auf die wir Menschen besonders stolz sind. Es ist also durchaus berechtigt, solches Verhalten zu verbieten und verwerflich zu finden. Nicht zuletzt auch weil wir Menschen – im Gegensatz zu anderen Primatenarten – schlichtweg erheblich andere Dimensionen an Grausamkeit erzeugen können.

Ich denke aber doch, dass die Geschichte uns gezeigt hat, dass es nicht möglich ist, diesen Trieb durch Verbote zu unterbinden.

Und an dieser Stelle kommt mir immer wieder in den Sinn, was ein ehemaliger Schulkamerad mir mal zu Killerspielen sagte. Er meinte, natürlich mag er diese Art von Gewalt in der Realität nicht, aber an solchen brutalen Spielen könne man sich abreagieren. Und tatsächlich liegt dieser Gedanke eigentlich ziemlich nahe. Bereits zu meiner Schulzeit war die Schule für viele Leute ziemlich stressig, das Wissen um die schwindenden Perspektiven im Arbeitsmarkt, und die Müdigkeit nach einem langen Schultag, machen einen gewissen Ausgleich einfach notwendig. Wo manch ein Pädagoge vielleicht fordern würde, sich diesen Ausgleich wenn schon dann doch lieber im Kampfsport zu holen, muss ich entgegnen, dass man schlichtweg nach einem langen Tag mit Nachmittagsunterricht und anschließend noch zwei Stunden Hausaufgaben nicht mehr wirklich Zeit hat, eine solche Art von Sport zu treiben, und selbst wenn, vielleicht keine Lust hat. Sich vor den PC zu setzen und nach 30 Sekunden erstmal einfach drauf los ballern zu können, ohne groß drüber nachzudenken, ist durchaus etwas, was befreiend wirken kann.

Ich glaube daher eher, dass Killerspiele die Gewaltbereitschaft von Menschen im Allgemeinen eher mindern. Es gibt ein Grundbedürfnis nach Gewalt in der Gesellschaft, und dieses kann man durch virtuelle Gewalt mindern. Virtuelle Gewalt schadet niemandem. Virtuelle Gewalt kann grundsätzlich vielleicht die Art von Gewaltphantasien von Menschen ändern, aber ich glaube kaum, dass sie reale Gewaltbereitschaft auslöst bei Menschen, die nicht ohnehin schon einen Drang dazu haben. Alleine die Tatsache, dass die meisten Menschen sich eher vor einen Computer setzen, um sich dort abzureagieren, anstatt in die Nachbarschaft zu gehen und Katzen zu quälen, untermauert meiner Meinung nach meine Ansicht, dass die meisten Killerspiel-Spieler reale Gewalt eher ablehnen.

Das ist letztendlich eine Erkenntnis, die schwierig ist, aber die Realität ist wohl leider: Wenn ein Mensch gewalttätig sein will, dann wird man ihn nicht davon abhalten können, egal, ob er Nachbarskatzen quälen will, oder in seiner Schule amoklaufen will. Er wird dies können. Waffengesetze und psychologische Betreuung können alles erschweren, und vielleicht verhindern, dass Leute dies wollen, aber dennoch, ein Mensch der das will, wird es können. Aber ich glaube einfach, dass eben die meisten Menschen nicht gewalttätig sein wollen. Sie haben vielleicht einen Trieb hin zur Gewalttätigkeit. Aber in all den historischen Beispielen der Gewaltausübung hat man die Gewalt immer in einen Rahmen gepresst, in der er ethisch nicht als verwerflich galt – das Quälen von Kriegsgefangenen, Sträflingen, Tieren, Robotern, und heute eben digitale Animationen. Man wird damit dem Trieb hin zur Gewalt Herr, ohne das ethisch als verwerflich angesehene Anwenden von Gewalt zu benötigen. Und ich denke, Gewalt in Form von Videospielen ist ethisch im Allgemeinen nicht verwerflich – kein Lebewesen muss dadurch leiden.

Ich kann auch nicht verstehen, wieso unsere Gesellschaft anscheinend das Jagen wehrloser Wildtiere und die darauf folgenden Blutorgien als Kultur ansieht, während sie das virtuelle Erschießen virtueller Wesen, die letztendlich ein Resultat von nicht allzu komplexen Berechnungsvorgängen aus Polygonen sind, als verwerflich ansieht.

Nun, wie komme ich auf dieses Thema? Im Allgemeinen will ich mich ja zu „aktuellen Diskussionen“ zurückhalten. Just heute habe ich aber von dem „Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden“ gelesen. Mal abgesehen davon, dass ich den Namen denkbar missverständlich gewählt finde, finde ich die Aktion, die Leute auffordert, ihre Computerspiel-CDs zu dumpen, und dieses mit Sachpreisen zu verknüpfen, ziemlich unsinnig – selbst wenn man glaubt, dass Killerspiele wirklich Amokläufe auslösen.

Trotzdem denke ich, „werft eure Schulbücher weg“ wäre wohl ein Aufruf, der mehr Amokläufe verhindern würde als „werft eure CDs weg“, denn letztendlich wurden alle Schul-Amokläufer doch irgendwie durch ihr schulisches Umfeld und den daraus resultierenden psychischen Druck zu dem Amoklauf gebracht.

Update: Sehr interessant zu dem Thema: Jäger gegen Killerspiele – vor Allem das Bild, Stichwort: Blutorgie.

2 Antworten zu Warum ich glaube, dass Killerspiele etwas gutes sind

  1. Zoey sagt:

    Sehr guter Artikel. Wäre schön, wenn unsere Politiker bei Menschen wie Dir einmal genauer hinhören, dann würden sie nicht andauernd versuchen, mit sinnlosen Verboten um sich zu werfen.
    Du sprichst den Effekt an, man könne sich am PC mit Killerspielen abreagieren. Ein wichtiger Faktor, und ich gebe zu, dass das manchmal wirklich helfen kann. Aber ein anderer Grund, der für viele Spieler sehr wichtig ist, ist das Teamplay. Taktik, Koordination und der Spaß am Sieg über ein anderes Team ist das, was den Reiz bei Counter Strike oder anderen Shootern ausmacht.
    Ich bin eine Frau und spiele seit ca. 4 Jahren. Einen Hang zu Gewalt habe ich nicht, aber dafür ein großartiges Team aus Freunden, die, entgegen der neuesten Behauptung, Spieler hätten keinen sonderlich hohen Intellekt, alle gebildet und sozial integriert sind. Wir „killen“ keine Menschen, sondern spielen, wenn man es so will, eine moderne Version von Schach. Oder Mensch ärgere Dich nicht. Wie auch immer. Aber Amokläufer sind wir deswegen noch lange nicht. Schubladendenken ist bei uns ja leider sehr verbreitet, rastet ein Spieler aus, sind alle Gamer gewaltbereit. Es ist ja so einfach.

    Gruß,

    Zoey

    http://www.gamingzoey.wordpress.com

  2. dasuxullebt sagt:

    Ja, Schubladendenken ist einfach. Und dass Team Spirit auch ein wichtiger Teil von Videospielen ist, steht außer frage. Inzwischen beginnen ja sogar die Soziologen zu kapieren, dass das Internet für viele eher eine soziale Bereicherung ist, als zu deren sozialer Verarmung führt. Aber es ist wie immer: In den Medien hört man von den 2 Leuten bei denen das passiert, aber man hört nie etwas von den 2 Millionen bei denen das nicht passiert …
    Aber Teamplay gibt es natürlich auch in weniger gewalttätigen Spielen wie Worms, und der Battle Mode von Super Mario Kart ist auch vom Prinzip her nicht so unterschiedlich zu manch einem Egoshooter. Wem es nicht um Gewalt geht, könnte man also auch stets auf solche Spiele verweisen (die man auch sehr interessant gestalten kann).
    Mir war es hier wichtig, hervorzuheben, dass Gewalt in Videospielen durchaus seine Berechtigung hat.

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