Kostenpflichtiger Inhalt im Web

Vor ein paar Tagen las ich diesen Artikel auf ksta.de. Es geht darum, dass große Zeitungen ein Premium-Modell einführen wollen, sodass man ihren Inhalt zum Teil auch im Netz nur kostenpflichtig beziehen kann.

Ich kann ja verstehen, dass guter Journalismus Geld kostet. Man braucht einen Haufen engagierte Mitarbeiter. Dennoch, ich lese Zeitungen und Zeitschriften hauptsächlich in Wartezimmern von irgendwelchen Ärzten.

Ich bin deshalb früher häufig seltsam angesehen worden, inzwischen ist das anders. Mir ist schlichtweg schon ziemlich früh aufgefallen, dass ich eigentlich immer wenn ich etwas zu einem Thema lese, mit dem ich mich auskenne, den Eindruck habe, der Journalist stellt Tatsachen grob verfälscht dar. Und da liegt dann natürlich die Vermutung nahe, dass das bei Dingen, mit denen ich mich nicht auskenne, ebenfalls so ist, nur dass ich es da nicht merke. Nun, dieser Zusammenhang scheint vielen Leuten schon länger aufgefallen zu sein, aber es scheint sich erst jetzt langsam der Mut durchzusetzen, das auch öffentlich zu sagen. Nun, daher kommt jedenfalls meine grundsätzliche Abneigung gegen bezahlten Journalismus. Wer aus Überzeugung Journalist ist, der hat nur Sekundär einen Gewinn seiner Tätigkeit im Sinne, denke ich. Und wer primär finanziellen Profit im Sinn hat, passt seine Recherchen so an, dass sie maximalen Profit produzieren.

Insbesondere suchen Zeitungen nach diesem Gesichtspunkt die Themen aus, von denen sie berichten. Wenn ich eine Zeitung lese, übergebe ich also freiwillig ein Stück gedankliche Freiheit an jemand Anderen. Das ist nicht unbedingt etwas schlechtes, und in gewissem Maße auch nicht vermeidbar. Und dafür sind Zeitungen gut. Und deshalb bin ich auch nicht dagegen, dass es Zeitungen gibt.

Nun funktioniert das Web aber von Grund auf anders. Der Grundgedanke ist die freie Verfügbarkeit von Informationen, die jeder erzeugen und verlinken kann. Was das Web als solches ausmacht, und den Begriff „Web“ überhaupt erst rechtfertigt, sind die Hyperlinks. Es ist eben keine zusammenhangslose Ansammlung von Informationen. Es gibt Querverweise. Es gibt eine intrinsische Struktur. Und diese Struktur ist, wenn man genau hinschaut, wunderschön. Sie ist ein wichtiger Teil der Netzkultur. Die Verweise passen zumeist thematisch zueinander, sodass man mit einer schwachen KI bereits jetzt semantisch zusammenhängende URL’s ermitteln kann (dies zu vereinfachen und zu perfektionieren ist – wie ich es verstanden habe – das, was sich hinter dem Buzzword „Semantic Web“ verbirgt).

Dies ermöglicht das Erzeugen von Suchalgorithmen, auf denen die heutigen Suchmaschinen basieren. Leider sehe ich darin auch wieder das Verhängnis für das Internet. Durch die Möglichkeit des Gugelns geht das Bewusstsein verloren, dass es keinen zentralen Index aller Informationen gibt und jeder dazu beitragen kann, was einem eigentlich die Möglichkeit gab, auch Informationen zu eher unpopulären Meinungen zu bekommen, etwas, was man in Zeitschriften eigentlich nicht kann. Klar, man kriegt die Meinung jedes Cranks im Netz zu lesen – in Zeitschriften eher selten, bzw. nur wenn die unpopuläre Meinung gerade gelegen kommt. Aber dafür kann ich mir auch selbst eine Meinung bilden – es gibt viele unpopuläre Meinungen, die zurecht unpopulär sind,  aber umgekehrt waren viele revolutionäre Ideen ursprünglich unpopulär. Das Netz bietet den Leuten, die sich darauf einlassen wollen, sich selbst eine Meinung zu bilden, eine Plattform.

Und hier entsteht wieder das ursprüngliche Problem: Es besteht zwar durchaus kein Zweifel, dass der Kommerz das Netz vorangetrieben hat, aber ebendieser zerstört es gerade, da das Netz immer weniger als Netz, sondern immer mehr als Verkaufsplattform angesehen wird. Natürlich ist es nichts verwerfliches, mit dem Internet Geld zu verdienen. Aber anstatt wie die großen erfolgreichen Portale zu versuchen, Geld zu verdienen mit den Eigenarten des Netzes, wollen die Verlage ähnlich der Musikindustrie das Netz an ihre Verkaufsstrategie anpassen.

Nun, zum Einen glaube ich bereits, dass das rein Technisch nicht möglich ist. Ich warte schon auf die ersten Hacks, um sich Inhalte von Zeitschriften auch ansehen zu können ohne zu bezahlen. Und auf die erste private Tauschbörse für Zeitungsartikel. Solche Restriktionen funktionieren nicht. Genausowenig wie DRM wirklich funktioniert. Unternehmen wie Google kennen das Problem und gehen damit richtig um: Sie verbieten bestimmte Dinge zwar, aber letztendlich investieren sie nicht allzu viel in die Infrastruktur, um diese Dinge zu verhindern. Beispiele sind das Herunterladen von YouTube-Videos und das Nutzen von GMailFS und CustomizeGoogle verboten. Google könnte all diese Dinge verhindern. Ich bin mir recht sicher, Google kann ziemlich genau feststellen, ob jemand ein YouTube-Video per Flashclient oder per externer Software herrunterlädt, ob jemand CustomizeGoogle verwendet, und GMailFS sowieso. Es gibt Hinweise die ziemlich eindeutig sind. Und Google könnte Maßnahmen ergreifen, um dies weiter zu erschweren. Google tut das nicht – vermutlich, weil Google erkannt hat, dass das einem Wettrüsten gleichkommt, und noch so gute Programmierer nicht gegen die riesige Horde an Usern ankommt, die sich ihre Software immer so zurechthacken wird, dass sie das machen kann, was sie will.

Zum Anderen bezweifle ich, dass das irgendwer will. Wenn ich schon etwas bezahle, dann will ich auch ein gedrucktes Heft. Außerdem gibt es Portale die auch Nachrichten anbieten – diese Nachrichten mögen sich bisher zwar eher auf den Boulevard-Bereich beschränken, aber wenn eine Nische frei wird, wird irgendwer sie füllen. Welchen Vorteil hat eine Online-Zeitung, wenn ich sie nicht verlinken und mich darüber auslassen kann (wie ich es gerade tue)? Welchen Grund sollte ich haben, sie zu lesen?

Mein Alternativvorschlag wäre eher, die Werbung teuerer zu machen. Die Zeitungen finanzieren sich durch Werbung. Früher reichte weniger Werbung aus. Warum jetzt nicht mehr?

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