Frustblogging #14: Sozialkompetenz

Wenn ich mal wieder an meine Schulzeit zurückdenke, so denke ich häufig daran, wie oft ich mir anhören musste, Sozialkompetenz wäre wichtig, und ich sollte mehr Wert darauf legen. Kein Wunder, legte ich doch viel Wert darauf, wenig Wert darauf zu legen (im Nachhinein vielleicht ein Fehler).

Sozialkompetenz, dieser allgemeine, allumfassende Begriff, auf den man jeden gesellschaftlichen Misserfolg schieben kann, da er sich nicht durch irgendein Verhalten, sondern durch entstehende Folgen definiert. So spricht man einem Menschen gute Sozialkompetenz zu, wenn er es schafft, in der aktuellen sozialen Gruppe gut angesehen und akzeptiert zu sein – ohne darüber zu reflektieren, was genau dazu führt.

Als Nerd hat man nun aber das Problem, dass man genau von dieser Sozialkompetenz wenig zu haben scheint, denn man schafft es oft nicht so schnell wie andere Personen, in der Gruppe, in der zu verkehren man gezwungen wird, den Anschluss zu finden. Wenn man wie ich das Glück hat in der Schule in einer Klassengemeinschaft zu sein in der sich eine tolerante Gesellschaftstform bildet, fällt dies erheblich leichter. Ich kenne aber auch Personen die erheblich größere Probleme hatten, irgendeinen Anschluss zu finden, weil ihnen nicht dieses Glück zu Teil wurde.

Haben diese Personen nun weniger Sozialkompetenz gehabt als ich? Per Definitionem wohl, ja, denn die gängige Definition der Sozialkompetenz spricht von Ergebnissen, nicht von Wegen, diese zu erreichen, und spiegelt damit genau die Art von Argumentation wieder, mit der moderne Menschen versuchen, über ihren Neid gegenüber fähigeren Personen hinwegzukommen.

Intelligenz zum Beispiel ist eine solche Fähigkeit, auf die man neidisch sein kann, und – genau wie jede Fertigkeit die beneidet werden kann – auf die man sich auch etwas einbilden kann. An sich lässt sich der Intelligenzquotient vergleichsweise objektiv ermitteln, und gibt Aufschluss über die geistigen Fähigkeiten des Testobjekts. Nun ist die Natur aber eben so grausam dass sie nicht jeden Menschen mit einer Hochbegabung versieht, und sogar eher sparsam mit der Intelligenz umgeht, wenn es darum geht, diese auf ihre Sprösslinge zu verteilen, was dazu führt, dass es einen Mangel an Intelligenz gibt, was dann wiederum dazu führt, dass Intelligenz sehr viel wert ist, und somit Menschen mit viel Intelligenz, also hohen geistigen Fähigkeiten, häufig auch in Berufskreisen verkehren, die sehr gut entlohnt werden, sei es durch Anerkennung in Form von Berühmtheit, oder materiell, oder beides. Mit Muskelkraft wiederum geht sie nicht besonders sparsam um, und so kann fast jeder Mensch mit ausreichend Training schwere Knochenarbeit verrichten, was dazu führt, dass diese Arbeit trotz vermeintlich größerer Anstrengung erheblich schlechter entlohnt wird. Am unteren Ende sind dann „niedere“ Arbeiten wie Reinigungstätigkeiten („Putzfrau“), die weder besonders großer geistiger Leistungen bedürfen, noch besonders großer körperlicher Leistungen, dafür aber eine Menge Überwindung brauchen, da sie eben von der Durchschnittsgesellschaft als „nieder“ angesehen werden, und – wenn ich mir die Universitätstoiletten so ansehe – auch nicht besonders appetitlich sind.

Aber es ist garnicht der Ekel oder die Anstrengung, die die Arbeit so schwer macht, es ist der Neid, der Neid auf die Leute, die intelligenter sind, und damit größeres Ansehen genießen, es ist dieses absurde Verhalten, erfolgreiche Personen zu verehren, und sie gleichzeitig zu beneiden und ihnen zu wünschen die selbe Drecksarbeit leisten zu müssen wie man selbst. Und so kommt es, dass sich Arbeiter gut fühlen, wenn sie Dinge „besser“ hinbekommen, als Akademiker – so kommt es, dass ich als vielleicht-irgendwann-Diplominformatiker mir von einem Fachinformatiker sagen lassen muss, dass das was ich lerne nicht sinnvoll ist, und dass es Unternehmen gibt, die lieber Fliesenleger anstellen und ihnen C++ beibringen, als einen Informatiker, da der Fliesenleger erheblich pragmatischer programmiert, während der Informatiker zu sehr auf Theorie fixiert ist.

Intelligenztests seien außerdem nicht repräsentativ, denn sie zeigen zwar das bloße Verständnis für abstrakte Zusammenhänge, aber haben im realen Leben kaum Bedeutung – „Lebenspraxis“ sollte man messen, so ungefähr lautete eine Meinung dazu die ich hörte. Und „Lebenspraxis“ kann man natürlich vor Allem dadurch messen, wie gut ein Mensch mit seinem Leben zurechtkommt – und da schneiden Nerds, Geeks und wohl generell Akademiker in nicht-Orchideenfächern recht schlecht ab, will ich mal behaupten. Und in die „Lebenspraxis“ spielt natürlich in großem Maße die „Sozialkompetenz“ mit rein.

Es ist nunmal leider so, dass man auf einer Universität nur durch Fleiß wenig erreichen kann, man muss sich intelligenztechnisch von anderen Menschen abheben (auch wenn inzwischen wohl in einem erheblich geringeren Maße als früher). Das macht eine universitäre Ausbildung aber zu nichts Besserem als jede andere Ausbildungsform – es ist die Ausbildungsform für Personen die das Glück haben mit einer Fähigkeit gesegnet zu sein, die eben andere Leute nicht haben. Ich weiß, dass ich mit dieser Haltung bei vielen Personen anecke, aber für mich ist Intelligenz genausowenig etwas, auf das man stolz sein kann, wie gutes Aussehen, denn Intelligenz ist weitestgehend angeboren und anerzogen, genau wie gutes Aussehen, und genausowenig wie jeder Mensch ein Topmodel, ein Opernsänger oder ein Hochseilakrobat sein kann, kann jeder Mensch studieren.

Es gibt noch mehr solch schwammige Begriffe, beispielsweise den „guten Riecher“ für wirtschaftliche Entscheidungen, den man wirtschaftlich erfolgreichen Personen zuschreibt – auch dieser ist ein Begriff der sich ausschließlich über Auswirkungen definiert, nicht über irgendwelche konkreten Handlungen. Wer sich oft für ein gutes Geschäft entscheidet, hat eben einen „guten Riecher“ dafür.

Und es klingt so plausibel, so utilitaristisch – klar, was sollte ein besseres Maß für eine Fertigkeit sein als die Ergebnisse die sie produziert? Meiner Meinung nach unterliegt man hier nicht dem Trugschluss, eine Sache grundsätzlich an deren Ergebnissen zu messen, sondern man unterliegt dem Trugschluss dass hier überhaupt eine Sache vorhanden ist. Intelligenz ist ein einigermaßen objektiv messbarer Begriff – man kann ihn dadurch definieren, wie Personen auf bestimmte Tests reagieren. Gutes Aussehen ist ein einigermaßen objektiv messbarer Begriff, denn obwohl Geschmäcker verschieden sind, gibt es doch meistens einen Trend, und man kann mit Umfragestatistiken ermitteln, wo dieser liegt. Selbst Fleiß und Arbeitsamkeit ist in gewisser Weise „messbar“. Wir können diese Begriffe definieren und schauen, inwieweit sie Aufschluss über die Erfolge von Menschen geben.

Doch wie soll man „Sozialkompetenz“ nachweisen? Es mag verschiedene Persönlichkeitstests geben, die einen objektiv in Kategorien einteilen, die gewisse Aufschlüsse darüber geben, welche Personen gut miteinander auskommen, und welche nicht, für welche Arten von Arbeit man besser geeignet ist, und für welche nicht. Aber sie geben keinen klaren Aufschluss darüber, ob und wenn ja wie man in sozialen Gruppen erfolge erzielt. Der Grund ist meiner Meinung nach, dass die sogenannte „Sozialkompetenz“ im Wesentlichen einem der wenigen Begriffe gleichkommt, die man quasi nur sinnvoll durch Ergebnisse definieren kann: Glück. Wer als Sonderling gezwungen wird, in einer „normalen“ sozialen Gruppe zurechtzukommen, hat es schwerer als die „normalen“ Leute und hat damit schlichtweg Pech – umgekehrt hat aber eine „normale“ Person es ebenfalls schwer, in einer sozialen Gruppe, die aus Sonderlingen besteht, zurechtzukommen. Es mag durchaus zu einem gewissen Grad vorhersehbar sein, ob ein Mensch in einer bestimmten Gruppe zurechtkommen wird, und es mag Menschen geben, die sich an momentan häufigere Gesellschaften besser anpassen können, doch all dies sind Maße die sehr stark von der Gesamtgesellschaft abhängen, die momentan vorherrscht.

Beispielsweise wird momentan ein Mensch, der gerne des Abends in Ausschanketablissements verkehrt, mehr Erfolge bei sozialen Kontakten mit Mitarbeitern haben, als ein Mensch der sich abends vor seinen PC schmeißt und WoW zockt, weil ein kleiner feierabendlicher Umtrunk mit Genossen noch als gesellschaftlicher gilt. Ist deshalb ein Mensch, der sich lieber in den Schlaf WoWt, weniger geeignet für seine Arbeit, als ein Mensch, der sich in den Schlaf alkoholisiert, weil letzterer offenbar mehr „Sozialkompetenz“ hat?

Nun, ich glaube nicht. Ich glaube, dies wird überbewertet. Ich sehe darin eher ein unprofessionelles Verhalten. Selbstverständlich ist ein gutes Arbeitsklima wichtig, aber es ist nicht so, dass Menschen dies aktiv beeinflussen könnten.

Nun, um einen zweiten Absatz mit „Nun“ zu beginnen, wie komme ich auf dieses Thema? Ich las diesen Artikel auf Zeit Online, und mir wurde fast schlecht. Der Autor (?) dieses Artikels schreibt gleich am Anfang, er habe so viel Angst vor den bösen fleißigen Killerazubis, die ihn neidisch machen weil er sich überbezahlt und faul fühlt, und die mit ihrem Ehrgeiz das Arbeitsklima vergiften. Ein Beispiel eines offenbar sehr fähigen Azubis der große Studienerfolge für sich verbuchen konnte wurde genannt, mit der Frage, warum sich Selbiger nicht gleich als Chefredakteur bewerbe. Ich frage mich, was passieren würde, wenn sich die betreffende Person als Chefredakteur beworben hätte, hätte sie dann mehr Chancen auf die Stelle?

Und ich frage mich, was der gesamte Artikel überhaupt sagen will. Soll man in seine Bewerbung nicht den gesamten Lebenslauf schreiben? Inklusive seiner Fähigkeiten? Ist es nicht für den Arbeitgeber interessant, die Fähigkeiten seiner Mitarbeiter – auch wenn diese groß sind – zu kennen? Und ist es nicht vollkommen sinnfrei, anhand solcher Fähigkeiten und Erfolge einen Menschen als „Streber“ abzustempeln, der keine „Sozialkompetenz“ hat, weil die anderen Angestellten neidisch auf ihn sein werden? Wäre es dann nicht viel besser, die restlichen Angestellten auszutauschen? Oder – wenn man das nicht will – gleich bei der Stellenausschreibung bekanntzugeben „wir sind Gammler, wir wollen Gammler bleiben, darum stellen wir nur Gammler ein“?

Fragen über Fragen, jedenfalls tut mir die Person, die sich da beworben hat, leid. Den Kommentaren nach zu urteilen ist der Artikel nicht ganz ernst gemeint, ich kann das nicht beurteilen. Aber vielleicht hat sich die Person auch einfach im falschen Fachgebiet beworben. In einem wissenschaftlichen Beruf wäre das wohl nicht passiert.

Dass es im Journalismus für gewöhnlich nicht auf Fähigkeiten anzukommen scheint, auf die ich Wert lege, nun, dies sah ich ebenfalls bereits zu Schulzeiten. Und dies merke ich jedes Mal, wenn ich in Zeitungen und Zeitschriften Artikel über Themen lese, von denen ich selbst Ahnung habe, und nicht selten zu dem Schluss komme, dass es ziemlich gut ist, dass ich Ahnung davon habe, denn die Lektüre der Zeitschrift hätte mein Wissen nicht sinnvoll erweitert. Aber freilich, ich gehöre hier zu einer Minderheit. Die hohen Verkaufszahlen der etablierten Zeitungsverlage geben diesen Recht – und das meine ich nicht einmal ironisch, Zeitungen sind Unternehmen die den Menschen eine Lektüre mit den Informationen liefern sollen, für die diese bereit sind zu zahlen. Dass ich es nicht bin macht mich zu einer Nischenentität. Und wer bin ich da, die Auswahlkriterien der Verlage zu kritisieren.

Nein, ich möchte mich jetzt auch nicht auf den Journalismus – von dem ich, wie man sicher an meinem Schreibstil merkt, wenig Ahnung habe – beschränken. Mir fiel lediglich schon häufig auf, dass „Sozialkompetenz“ sehr stark glorifiziert wird, in allen erdenklichen Bereichen. Und ich finde diese Entwicklung nicht gut, und wollte hiermit ein paar Argumente in den Raum stellen.

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