Folter

Nach dem zweiten Weltkrieg hatten wir hier in der westlichen Welt ein paar Jahrzehnte weitestgehend Ruhe davon, spätestens seit Guantanamo Bay ist das Thema aber wieder aktuell geworden: die Folter.

Laut Wikipedia ist Folter „das gezielte Zufügen von psychischem oder physischem Leid (Gewalt, Qualen, Schmerz) an Menschen durch andere Menschen„. Ich denke, das können die meisten Leute so stehen lassen. Der Folterbegriff ist also nicht auf das Hinzufügen von körperlichen Schmerzen beschränkt, und so beschreibt Karl Weiß Journalismus verschiedene Praktiken der geistigen Folter. Auch die Todesstrafe in den USA wird bisweilen als Folter angesehen, beispielsweise sind Gaskammern und Giftspritzen alles andere als optimal, was die Schmerzfreiheit betrifft, ganz zu schweigen vom elektrischen Stuhl (zumindest ich würde wohl die Guillotine vorziehen). Ich habe aber auch schon von der „geistigen Folter“ der Todeszellen gehört, in der Menschen Jahrzehnte lang auf ihren Tod warten – gut, man mag sich darum streiten ob es den Insassen körperlich darin wirklich gut geht, aber vom Idealfall ausgehend sollte der psychische Druck einer jahrelangen Gefängnisstrafe die letztlich mit größter anzunehmender Wahrscheinlichkeit zur Hinrichtung führt auch schon nach dem Verständnis vieler Menschen als „Folter“ gelten.

Nun, wie komme ich auf dieses Thema. Ich habe mich letztens zufällig über Folter unterhalten, und über Gefängnisstrafen an sich. Und ich setzte die moderne Bestrafung durch das Einsperren in Gefängnisse völlig unreflektiert in Kontrast zur Folter – und wurde darauf aufmerksam gemacht, dass das eigentliche Ziel des Einsperrens einer Person meist letztendlich hauptsächlich durch den Foltereffekt motiviert ist: man zwingt eine Person etwas zu tun, das sie nicht will.

Letztendlich beraube ich eine Person temporär ihrer Persönlichkeitsrechte, wenn ich sie in ein Gefängnis sperre. Laut Wikipedia sind Leibesvisitationen eine Voraussetzung für Gefängnisinsassen – es mag hier um die Sicherheit der Personen gehen, auch der Insassen, aber es ist ein massiver Eingriff in die Intimsphäre einer Person. Ich kann mir auch nicht vorstellen dass die Sanitäranlagen besonders viel Privatsphäre garantieren. Und der Einsatz von Isolationshaft scheint selbst in Jugendgefängnissen benutzt zu werden.

Wenn ich mir das so vorstelle – ich weiß nicht, ob ich mich nicht lieber ein paar Minuten waterboarden lassen würde, als sowas zu haben. Der Gedanke, dieses als Folter anzusehen, liegt also zumindest nicht komplett fern. Aber warum sprechen dann die meisten Leute bei Gefängnisstrafen nicht von Folter?

Sicherlich ist ein Aspekt, dass Personen, die eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellen, von dieser getrennt werden müssen. Ob das auf einen Großteil der verurteilten Straftäter wirklich zutrifft, das weiß ich nicht, aber irgendwie bezweifle ich es. Und Personen, die Triebtäter sind, und sich nicht kontrollieren können, gehören wohl in erster Linie mal in psychiatrische Behandlung.

Ein weiteres Argument wäre, den Menschen eine Zeit zum Nachdenken zu geben. Trotzdem handelt es sich um Zwang. Eine unfreiwillige Handlung, die gegen den Willen einer Person durchgesetzt wird, die keine Alternativen dazu hat. Außerdem wird das Nachdenken erst durch das Eingesperrtsein hervorgerufen – das heißt, die Sühne wird bei vielen Menschen wohl darauf basieren, dass sie nicht erneut eingesperrt werden wollen, und ihre Abseitsstellung zur Gesellschaft als belastend empfinden. Das Nachdenken wird also nicht aus einem freien Geist heraus, sondern aus einer erzwungenen Unfreiheit induziert.

Auch ein Argument ist, die Insassen eines Gefängnisses müssten ja irgendwie bestraft werden. Vielleicht ist es beim kleinen Taschendieb noch etwas übertrieben, aber zumindest die Schwerverbrecher müssen doch bestraft werden – schon zur Abschreckung. Das ist ein Scheinargument. Mit dieser Argumentation kann man jede Form der Bestrafung rechtfertigen. Eine Stunde Waterboarding für jeden Taschendieb wird zum Beispiel sicherlich dafür sorgen dass es erheblich weniger Taschendiebe gibt, und es wird die Quote der Wiederholungstäter wohl auch erheblich senken. Ich kann mich auch daran erinnern mal ein nettes Diagramm der Verbrechensquote in den USA gesehen zu haben in einem Staat der die Todesstrafe temporär abgeschafft hat – in der Zeit als die Todesstrafe abgeschafft war war die Verbrechensquote erheblich höher, soweit ich mich erinnern kann.

Das Problem ist, dass dieses Argument aber leider wahr ist: Man muss Menschen bisweilen bestrafen. Im Idealfall kann man dies erreichen, indem man ihnen Privilegien entzieht. Das wird zum Beispiel in Familien und Freundeskreisen angewendet, zum Beispiel durch den Entzug des Grußes. Aber da vor dem Staat alle Menschen gleich sein sollen, hat kein Mensch echte Privilegien. Und so muss man ihnen Rechte entziehen. Nun sind aber die Rechte bereits vergleichsweise minimalistisch formuliert, mit dem Hintergedanken, dass man sie auch einhalten kann. Und so hat man es schwer, einem Menschen Rechte zu entziehen, ohne dabei irgendwie den Beigeschmack zu haben, dass diese Rechte elementar sind.

Die Väter unserer Gesellschaft haben sich dafür die selbe banale Lösung wie für die meisten solchen Probleme ausgedacht: man bastelt sich einen Haufen Abstraktionsschichten, die so kompliziert sind, dass die meisten Menschen die Widersprüche und Unzulänglichkeiten darin nicht sehen, und spickt das Ganze mit ein paar Traditionen, einer Menge historischen unübersichtlichen Fakten und seltsamen Moralvorstellungen die selbst religiös nicht wirklich motivierbar sind, geschweigedenn wissenschaftlich.

Bloß keine Schmerzen zufügen. Bloß keine Verletzungen. Für medizinische Versorgung und leibliches Wohl so gut es geht sorgen, und einen Haufen Geld ausgeben. Gewalt nur minimalistisch einsetzen. Demütigung formalisieren, und zum Beispiel mit Sicherheit begründen, sodass sie zum Nebeneffekt wird. Aber einen Menschen einsperren, ihm das Recht nehmen, sich frei zu bewegen, das ist erlaubt. Ein vierzehnjähriges Kind zehn Jahre lang einsperren verstößt offenbar weniger gegen allgemeine Moralvorstellungen, als es mal kurz hinzustellen und zu verdreschen, denn das ist verboten, genauso wie Boot Camps scharf kritisiert werden.

Es dürfte klar sein dass man mit dem heutigen Kenntnisstand auf Bestrafungen nicht verzichten kann – leider haben wir nichts, was einer Engrammatischen Reinigung, wie sie in der Star Trek Serie Voyager vorkommt, gleichkäme (außer vielleicht bestimmte Drogen) und selbst wenn wir die Möglichkeit hätten – man würde es bei uns wohl auch als zu tiefen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte ansehen, Engramme zu verändern. Die Gesellschaft maßt sich hier an, entscheiden zu können, was für eine Person schwieriger zu ertragen ist. Sie maßt sich an, festzulegen, was eine Person ertragen können muss, und was nicht. Sie könnte der Person auch die Wahl lassen, zwischen verschiedenen Bestrafungsmethoden zu wählen, aber das würde dem Verurteilten ein zusätzliches Recht einräumen, das die Gesellschaft nicht bereit wäre, zu tragen.

Aber die Gesellschaft maßt es sich ja auch an, in das Selbstbestimmungstrecht bezüglich Leben und Tod eines Menschen einzugreifen.

Letztendlich muss man hier sagen: Die Gesellschaft hat im Zweifelsfall recht, denn sie herrscht. Die Gesellschaft hat ein großes Interesse daran, dass der einzelne Mensch sehr wertvoll ist, und eine Würde hat, aber letztlich muss er sich doch der Gesellschaft beugen, ob er will oder nicht. Und die Gesellschaft will dass man Menschen nicht auf bestimmte Weisen behandelt, und das ist auch gut so, denn es verhindert einige Probleme. Hier wende ich eine Pragmatik an die aus einem ganz anderen Gebiet – der angewandten Informatik – kommt: Lieber ein nicht perfekter Standard der einige Probleme löst und einigermaßen weit verbreitet und etabliert ist, als ein Chaos aus unterschiedlichsten Vorstellungen, in dem sich niemand zurecht findet.

Aber brauchen wir dafür wirklich immer schwammig definierte Wörter wie „Folter“, von denen wir uns distanzieren können? Könnten wir nicht einfach ein Wort für das schlechte Behandeln von Menschen um ihnen unseren Willen aufzuzwingen haben, und uns damit zufrieden geben, dass wir unsere Wege, dies zu tun, für besser halten, als andere Wege, von denen wir wissen? Immerhin ist es doch bereits eine Leistung, bestimmte Dinge nicht zu tun, obwohl es einfacher wäre sie zu tun und obwohl man es könnte.

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