Minimalistische Interfaces

Ja. Wir haben es kapiert. Grafikkarten sind schnell, Speicher ist groß. Wenn wir wollen können wir bunte blinkende animierte Buttons und Fenster haben. Wir können Desktops 3d machen. Wir können coole Soundeffekte adden. Können wir uns jetzt bitte wieder auf das Wesentliche konzentrieren?

Nun, das ist die Haltung die ich seit Jahren habe – ungefähr seit ich Windows 95 sah (ich begann meine Windows-Zeit richtig mit 98), und es mit Windows 3.1 verglich: Ich sah zwischen der damaligen Office-Suite, den Filemanagern, und sogar dem Browser (damals Netscape) keine wirklich gravierenden Unterschiede. Es gingen ein paar Sachen die vorher nicht gingen, 3d-Technisch ging z.B. einiges mehr. Aber die Benutzeroberfläche selbst hatte im Wesentlichen seltsame, überladene, sinnlose Tweaks bekommen, die obendrein das System langsam machten. Als ich mir damals dann mal die Freiheit nahm auf meinem 500 MHz Rechner ein Windows 3.1 zu installieren, und dieses in weniger als 10 Sekunden startete, und auch sonst recht flott war – verglichen mit Windows 98 – war für mich klar: Programme die bunt sind sind selten schnell – und häufig instabil.

Nun brauchte es Jahre lang des Übereinanderstapelns von aufgeblasenen Schichten von Grafik und seltsamen Dateiformaten, bis ich genau diese Tendenz endlich in der EDV ankommen sah – nämlich ungefähr jetzt.

Minimalistische Interfaces scheinen in einigen Bereichen im Kommen zu sein.

Ein Beispiel dafür sehe ich in Software wie Adium, Google Chrome und Miranda IM. Adium hat eine ziemlich minimalistische GUI – zumindest im Vergleich zu einigen anderen IM-Clients – es hat im Wesentlichen das Nötige. Trotzdem ist es gut konfigurierbar. Miranda IM ist das Adäquat unter Windows. Nun, der Fairness halber muss man sagen, auch Pidgin ist recht minimalistisch, aber es hat das Problem, dass GTK sich allgemein ziemlich Platzverschwenderisch verhält, aber ansonsten ist Pidgin eigentlich ebenfalls eine recht pragmatisch gehaltene UI. Google Chrome ist ebenfalls – im Gegensatz zu dessen Kollegen – nicht bloated. Eine einfache, teils sogar wieder zu minimalistische GUI, die aber das Meiste hat was man will.

Aber auch im Bereich der Webinterfaces sehe ich Entsprechendes. Hier haben momentan die aufgeblasenen Interfaces zwar Hochkonjunktur, aber wenn man sich das immernoch recht populäre Mikroblogging ansieht, wo man mal keine Abhandlungen schreiben kann, sondern eben nur kurze Messages, ansieht, sieht man auch hier eine gewisse (wenn auch versteckte) Tendenz zum Minimalismus. Einige Blogsoftwares (Nanoblogger, etc.) gehen ebenfalls in Richtung Minimalismus.

Seit sich RSS – ein Standard den ich ja ursprünglich für sinnfrei hielt – einigermaßen durchgesetzt hat, bilden sich auch „Newsletters“ zurück. Ein E-Mail-Newsletter ist eben doch schwerer zu maintainen als ein RSS-Feed, und er braucht vom Leser mehr Motivation. Ein RSS-Feed lässt sich im Grunde schon fast als statische File hosten. Blogs gehen dazu über für jeden Post Kommentarfeeds anzubieten, anstatt Mailing Notifications. Und auch die Foren, die vorher bloated mit irgendwelchen Mailing Notifications waren, haben inzwischen zumindest oft Unterstützung von RSS, womit sowas entfällt.

Foren wie Reddit, Stackoverflow, Mathoverflow, aber auch die Kommentarfunktion von YouTube, sind Beispiele dafür (wobei Letztere keine RSS-Feeds hat iirc). *overflow geht sogar noch etwas weiter, und hat nur ein vergleichsweise minimalistisches eigenes User-Management – man benötigt eine OpenID – das braucht zwar immernoch Datenbankeneinträge, aber es erleichtert die Verifikation doch schon um Einiges, weil es einige Dinge automatisiert. Noch einen Schritt weiter gehen da die Imageboards, bei denen man zur Authentifikation nur Tripcodes verwendet. Damit spart man sich eine lokale Datenbank für Benutzerverwaltung, inklusive Nutzeranmeldung und Dergleichen. Minimalismus, ohne wesentliche Funktionalitätseinschränkung.

Ich mag solche Interfaces. Interfaces, die dem User nicht alles abnehmen – der User muss immernoch seine Tripcodes manuell eingeben. Interfaces, die leicht zu maintainen sind, aber alle gewollte Funktionalität liefern. Interfaces, die die Funktionalität der verwendeten Engine nicht durch aufgeblasene Konfigurationsdialoge verstecken, sondern sie offenlegen, aber so klar konzipiert sind, dass man sie mit wenig Übung beherrschen kann.

2 Antworten zu Minimalistische Interfaces

  1. Pidgin bzw. Adium soll minimalistisch sein? o0
    das ganze libpurple-zeugs find ich ziemlich grauenvoll, nicht nur das der Kot wirklich grausig ist und man unbedingt Featuritis als Lebensziel auserkoren hat, die Interfaces sind auch noch völlig unbrauchbar und man kann mit den Dingern einfach nicht arbeiten.
    Wirklich minimalistisch wäre vlt. Mcabber, Bitlbee oder Centerim. Das Zeugs tut dann auch schön in ner Screen-Session und ich brauch nicht auf jedem Rechner nen neuen Client installieren. Einfach einmal auf meinem Server @home und die Sache ist gegessen.

    RSS ist ja eine nette Idee.. leider ist mal irgendwer auf die bescheuerte Idee gekommen HTML-Inhalte in die Newsfeeds zu packen, also kommt heute kein wirklicher Feedreader mehr ohne halben Browser aus (ok, Onlinelösungen wie Googles Reader haben den eh)

    Ansonsten kann ich dir nur zustimmen, vieles ist heutzutage einfach nur gnadenlos überladen und gehört mal wieder gründlich aussortiert.
    Aber das habe ich ja gerade eben auch erst Textreich angemahnt, kurz bevor ich deinen Post gesehen hab.

  2. dasuxullebt sagt:

    Hm. Mir ging es primär um die Interfaces, und da ist vor Allem Adium ganz annehmbar. Das Backend – das hab ich mal außen vor gelassen. Dein Blogartikel spricht mir jedenfalls aus dem Herzen.

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