Warum ich benachteiligten Personen ungerne meinen Sitzplatz anbiete

Ein Grund, warum ich Soziale Protokolle nicht mag ist, dass sie teilweise Widersprüchlich sind. Es gibt jede Menge Beispiele dafür. Eines davon will ich hier mal darlegen, nämlich die Konvention, benachteiligten Personen Sitzplätze in den öffentlichen Verkehrsmitteln anzubieten.

Theoretisch gibt es keinen Grund dass eine Person die einen triftigen Grund hat sich hinzusetzen dies nicht auch äußern kann. Ich weiß, dass ich so nach einer Operation, wo ich selbst mal in der Lage war, mich setzen zu wollen, weil ich nicht gut stehen konnte, verfahren bin. Und eigentlich sollte das auch kein Problem sein.

Nun will man die Welt aber freundlich und lieblich gestalten, und es kann ja sein, dass irgendjemand genervt ist, wenn er seinen Sitzplatz hergeben muss. Wenn er ihn „freiwillig“ hergibt, ist das zwar genauso – es nervt mich, wenn ich aufstehen muss aus moralischer Verpflichtung – aber freilich fühlt sich die betreffende Person noch schlechter, wenn sie mich erst fragen musste. Wenn stattdessen jeder Sitzende ein wenig umsichtig ist, haben wir kein Problem.

Soweit die Theorie. Die Praxis sieht eher so aus, dass es Leute gibt, die sich garnicht setzen wollen, und teils sogar eher eingeschnappt sind, wenn man ihnen den Platz anbietet. Wenn ich einer jungen Frau meinen Platz anbiete, weil ich denke, dass sie schwanger ist, obwohl sie es nicht ist, dann ist das ein Problem. Wenn ich einem Fünfzigjährigen meinen Platz anbiete und ihn somit konfrontiere mit der tatsache dass er wie siebzig aussieht, ist das ebenfalls ein Problem.

Hinzu kommt dass bestimmte benachteiligte Personen wie Blinde sich teils garnicht setzen wollen, obwohl man es ihnen anbietet. Und das kann ich auch verstehen – es liegt immer wieder mal ein halbgegessener apfel oder irgendwelche Sabbertücher von Kindern auf den Sitzen. Als Sehender kann man diese Sitze umgehen. Als Blinder wird man wohl entweder das Risiko eingehen müssen, sich auf so etwas zu setzen, oder aber, man muss den Stuhl vorher befühlen – und riskiert, seine Hand im vergammelten Hamburgerrest zu haben. Ich würde mir da zweimal überlegen, ob ich mich setzen will, wenn ich keinen Begleiter habe.

Ja, die Zustände in den öffentlichen Verkehrsmitteln sind oft nicht appetitlich. Umso unangenehmer wird es, wenn sich soziale Spannungen in dem eh schon ungewöhnlich engen Raum aufbauen.

Deshalb denke ich, es ist sinnvoller, wenn die Benachteiligten fragen. Für mich ist es selbstverständlich, Leuten die ein berechtigtes Interesse an einem Sitzplatz haben den Meinigen zu überlassen. Für die meisten Anderen auch. Es mag für den Benachteiligten etwas mehr Überwindung kosten, aber wenigstens fuktioniert das soziale Protokoll so einigermaßen.

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