Warum ich kein Pragmatiker bin

Die Pragmatiker haben die Oberhand, so scheint es. In der Politik, der Wirtschaft, der Softwareentwicklung, dem Ingenieurswesen, überall hört man von Praxisorientiertheit, von der Praxis™, und, gerade wenn man sich als Mathematiker fühlt, davon, wie sinnlos die Theoretiker sind, die keine Ahnung davon haben, worauf es wirklich ankommt.

So kommt es, dass ich mir von einem Fachinformatiker sagen lassen muss, dass ich in meinem Informatikstudium nichts sinnvolles lerne – obgleich ich in der Universitäts-Informatik prinzipiell dasselbe lerne, was ein Fachinformatiker lernt, und unzählige zusätzliche Dinge, die er nicht lernt, und deren Sinn er somit nicht beurteilen kann, und ansonsten der hauptsächliche Unterschied eine Verlagerung der Schwerpunkte ist. Ich muss mir anhören, ich würde nur funktionale Programmierung lernen, die ja so sinnlos sei und in der Praxis™ keinerlei Relevanz hat und je haben wird, da de facto alle wichtigen Softwareprojekte die kommerziell relevant sind in C++ geschrieben sind. Dass C++ sich im Laufe der Zeit einiges aus der Ecke der funktionalen Sprachen abgeschaut hat, und generell theoretische Erkenntnisse einflossen, was auch pragmatisch gesehen die Forschung an funktionalen Sprachen rechtfertigt, sei mal ungeachtet, denn darauf will ich garnicht hinaus.

Nein, worauf ich hinaus will ist, dass mir die ganzen Pragmatiker inzwischen generell wahnsinnig auf den Senkel gehen, weil in dem, was man als Pragmatik ansieht, eigentlich der Ursprung vieler schlechter Entwicklungen steckt. Wie immer bei solchen Posts von mir, erstmal die Definition von Wikipedia:

„Der Ausdruck Pragmatismus (von griech. pragma „Handlung“, „Sache“) bezeichnet umgangssprachlich ein Verhalten oder Handlungen, die sich nach den bekannten Gegebenheiten richten und auf eine theoretische Analyse und genaue Begründung der Wirkungen verzichtet. Pragmatisches Handeln ist nicht an unveränderliche Prinzipien gebunden.“

Nun, das klingt nach einer ganz guten Definition. Ich persönlich würe es rein Betonungstechnisch sogar eher so ausdrücken, dass Pragmatismus das Arbeiten mit den Gegebenheiten, ohne ein Interesse einer Veränderung oder Verbesserung, ist. Und diese Form der Arbeit ist die sinnloseste überhaupt – jede Arbeit hat in der Regel im Sinn, eine Verbesserung in irgendeiner Weise herbeizurufen, und sei es nur, den Verfall etablierter Strukturen zu verhindern. Dies setzt ein grundsätzliches Interesse an der Arbeit die man erledigt voraus, und ich persönlich könnte nur schwer an irgendetwas arbeiten, was mich in keiner Weise interessiert.

Selbstverständlich muss nicht jeder in jeder Beziehung ein großes, tiefgründiges Interesse einer Verbesserung haben. Ein Webdesigner darf meinetwegen Flash verwenden, eine Büroangestellte muss die Office-Lösung verwenden, die sie vorgesetzt bekommt.

Hier komme ich aber gleich zum ersten Beispiel, das ich für falschen Pragmatismus anbringen will: Ich hatte bereits Gesprächspartner, die meinten, sie würden grundsätzlich nur Microsoft Office verwenden. Microsoft Office sei ein de-facto-Standard, und jeder, der sinnvoll am Geschäftsleben teilnehmen will, muss eben erstmal in Microsoft Office investieren, weil es schlichtweg zu dem Gehört, was man grundsätzlich benötigt. Und ich gebe zu, würde ich ein Unternehmen gründen, ich würde mir wohl auch einen Windows-Rechner mit einem Microsoft Office irgendwo hinstellen. Einfach, weil ich dann ein kleines Unternehmen wäre, das zumindest die Möglichkeit haben sollte, doc-Dateien richtig zu lesen. Andererseits würde ich von meinen Sekretärinnen erwarten, dass sie mit einem anderen System, am Besten LaTeX, schlimmstenfalls aber OpenOffice, zurechtkommen.

Man mag mir an dieser Stelle entgegnen, dass das keine Schlüsselqualifikation einer Sekretärin sei – schließlich könne sich nicht jeder mit der tiefgreifenderen Technik auskennen, und es müsse reichen, dass Sekretärinnen Arbeitsprozesse auswendig gelernt haben, die auf diese Weise nur in den etablierten Office-Anwendungen funktionieren.

Dem kann ich nicht zustimmen. Office-Anwendungen sind Handwerkszeug von Sekretärinnen. Freilich sind sie in erster Linie Nutzer, aber zumindest so gut, dass man einen Umstieg auf ein vergleichbares Produkt ohne größere Probleme autonom hinbekommt, sollte man sein Handwerk beherrschen.

Hier ist jedenfalls Pragmatismus komplett falsch, weil er ein Monopol erzeugt, und unzählige Unternehmen abhängig von Einem macht. Vor Allem wenn der Pragmatismus sich in die Ausbildung auswirkt, womit ich beim nächsten Punkt wäre: Der Pragmatismus in der Ausbildungspolitik.

Mehr Praxisbezug, mehr Nähe zu den Unternehmen, ich kanns manchmal nicht mehr hören … ständig hört man solchen Müll. Die Akademische Welt hat ihre Berechtigung, auch ohne Wirtschaft, auch wenn man ihr dies gerne absprechen würde. Grundlagenforschung brachte bereits mehr als Einmal wichtige Erkenntnisse. Das große Problem des Pragmatismus ist hier, dass er möglicherweise dafür sorgt dass man sehr viel was sehr lange nichts bringt nicht durchführt, nur leider gibt es gerade für die Dinge, die die Welt wirklich voranbringen, keinen Detektor, keine Garantie, keine Methode, sie zu finden. Wenn man revidiert wie viele Erkenntnisse sich ergeben haben, ist die Frage, ob die allzu pragmatische Sicht sinnvoll ist – sie garantiert kurzfristige Gewinnmaximierung, mehr auch nicht.

Wirtschaftlicher Pragmatismus – etwas, das ich zum politischen Pragmatismus zähle. Da gab es zum Beispiel die Politiker die meinen, eine Stimme für die Piratenpartei wäre eine Stimme für den Gulli, da diese die 5%-Hürde ohnehin nicht erreicht hätte. Mit dieser Argumentation hätte man noch vor garnicht so langer Zeit gegen die Grünen argumentieren können. Mit dieser Argumentation hätte man generell gegen jede Auflehnung gegen ein Establishment argumentieren können. Klar behalten die Pragmatiker nicht selten tatsächlich Recht mit der Aussage, eine kleine Bewegung setzt sich nicht durch. Die Frage ist nur, ob es sich nicht dennoch lohnt, sie zu unterstützen? Immerhin ist auch dies die einzige Möglichkeit, die Welt relevant zu verändern. Die Welt wird eben nicht von etablierten Mainstream-Ansichten verändert.

Die Struktur all dieser Beispiele ist ungefähr die Gleiche: Pragmatismus schließt große Veränderungen aus. Bisweilen sind aber große Veränderungen notwendig um ein System zu verbessern.

Ich sage nicht, dass Pragmatismus generell schlecht ist. Auch ich bin bisweilen pragmatisch, in kleinen Dosen. Generell bin ich aber eher idealistisch. Ich habe mir das pragmatische Denken mühsam antrainieren müssen, aber ich beherrsche es inzwischen denke ich ganz gut – teils zu gut, denn viele Menschen, die sich selbst als Pragmatiker sehen, haben subtil selbst Ideologien.

Pragmatismus vs. Ideologie sind zwei entgegengesetzte Haltungen. Man benötigt beide in einem entsprechenden ausgeglichenen Maß. Aber eben auch wirklich beide – das darf man nicht vergessen.

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