Artensterben stoppen – ein Aufruf zur Arten-Gerechtigkeit

Mon, 17 May 2010 01:57:10 +0000

Was meine geplagten Augen da mal wieder lesen mussten, im SZ-Artikel zum UN-Bericht ueber das Artensterben. Gleich der erste Satz ist treffend – „Die Weltgemeinschaft hat versagt“ – dann folgen einige Statistiken und Zahlen, die der geneigte Leser sich selbst zu Gemuete fuehren moege. Quintessenz: Mehr Arten wurden durch den Menschen ausgerottet als ausgerottet haetten werden sollen.

Auf wirtschaftliche und politische Probleme werden solcherlei Dinge gerne wegabstrahiert, denn aermere Laender kuemmern sich nicht um das Artensterben weil sie es nicht koennen weil sie ja so arm sind und erstmal an sich denken muessen und blafasel, und die einzige Loesung des Problems ist damit, solchen Laendern Geld in den Arsch zu schieben, damit sie einen genauso gut funktionierenden Kapitalismus aufbauen koennen, wie den unsrigen.

Das Problem ist aber meiner Meinung nach ein ganz anderes, und wird denke ich ziemlich gut im Schlusssatz des SZ-Artikels deutlich, der da lautet „Doch wenn die Menschheit so weitermacht wie bisher, wird es irgendwann alle treffen„, alle im Kontrast zu den armen Fischern, denen jetzt halt ihre Fische wegsterben. Artenschutz motiviert durch menschlichen Wohlstand – ich behaupte, das ist es, was das Problem verursacht. Der mangelnde Respekt vor dem, was anders ist als man selbst, die Haltung, die Welt als metaphorische Kuh zu sehen, der man immer genau so viel zu Fressen gibt, dass ihre Milchleistung nicht nachlaesst. Kurzum, das Problem ist der Speziesismus.

Warum interessiert sich keine Sau fuer die Millionen an Fischen mit denen wir unseren Kindern die Maeuler stopfen, die sich vielleicht auch nicht so gut dabei fuehlen, zu panierten Quadern verarbeitet und von haesslichen sabbernden fetten Monstern verschlungen zu werden? Weil es uns eigentlich egal ist. Und solange dies so bleibt ist das Artensterben nicht aufzuhalten.

Der Mensch hat die Macht, sich selbst und anderen beliebig zu schaden. Das Einzige, was ihn wirklich davon abhalten kann, ist seine Moralvorstellung. Erst wenn wir es als moralisch schlecht empfinden, dass Tiere und Pflanzen sinnlos getoetet werden, und ihnen sowohl eine Wuerde als auch einen Individualbegriff zusprechen, kann sich dies ueberhaupt aendern.

Die Betrachtung unterschiedlicher Menschentypen und deren essenziell unterschiedliche Behandlung hat auch niemals vorher aufgehoert, die Rassentrennung in den USA hat nicht aufgehoert weil ein paar Wissenschaftler gemeint haben, Gleichberechtigung koennte fuer die Armeekraft und Wirtschaft gut sein, sie hat aufgehoert weil die Moralvorstellungen der Gesellschaft sich langsam weiterentwickelt haben.

Moral ist letztlich doch nichts anderes als ein Mechanismus der Arterhaltung, erst die Moral hat dazu gefuehrt, dass wir uns nicht wie einige Primaten staendig die Koepfe einschlagen, sondern zumindest erst grosse Kulturen bilden bevor wir uns die Koepfe einschlagen – mir kann es, abgesehen von moralischen Bedenken, egal sein ob ein anderer Mensch gequaelt wird, solange ich nicht betroffen bin. Erst die Moral sorgt dafuer dass es mir nicht egal ist, und aus diesem Moralgefuehl heraus resultiert der Wille zu einer Gesellschaft die diesen Moralvorstellungen entspricht, und nur deswegen engagiere ich mich ueberhaupt in irgendeiner Weise politisch oder kulturell – ja, Moral hat den Willen, sich zu verbreiten, das macht sie zu einem vortrefflichen Werkzeug der Arterhaltung und -verbreitung.

Und so muessen unsere Moralvorstellungen sich auch endlich auf Tiere und Pflanzen beziehen. Dabei geht es garnicht darum, die Nutztierhaltung und das Essen von Fleisch sofort zu verbieten, auch wenn dies aus meiner Sicht sehr erstrebenswert waere, so ist es doch nicht realistisch, dass sich diese Moralvorstellungen in ausreichend kurzer Zeit durchsetzen wuerden. Viel mehr muss das Bewusstsein und das Interesse fuer einen wuerdevollen Umgang mit Nutztieren und Nutzpflanzen geweckt und gestaerkt werden, anstatt es mit anderen moralischen Vorstellungen zu relativieren.

Dass irgendwo ein Tier gequaelt wird und dass man sich nicht darum kuemmern muss weil anderswo ein Kind verhungert darf keine akzeptierte Argumentationsweise mehr sein, denn es wird immer hungernde Menschen geben, und immer Strukturen, die dafuer sorgen, dass irgendwer sich ueber andere erhebt und diesen Leid zufuegt. Die schwierigste Herausforderung in diesem Zusammenhang ist freilich zu akzeptieren dass einige Tierarten speziesistisch sind, und diesen dennoch ihr Recht zuzusprechen. Das ist ein aehnlich schwieriges Problem wie das Zusprechen von Menschenrechten gegenueber Menschen die sich selbst nicht an Menschenrechte halten wollen. Gerade hier wird wieder der pragmatische Charakter der Moral deutlich: Der Hauptgrund warum man allen Menschen ein unveraenderliches und unveraeusserliches Recht zuspricht ist, weil man verhindern will, dass irgendwer aus irgendeinem Grund dieses Recht bricht – und sei es nur aufgrund der Rechtbrechung selbst – zumal es Menschen gibt, deren Verstand nicht ausreicht, um ihr Fehlverhalten zu verstehen, oder die schlichtweg Geisteskrank sind. Tieren muss dasselbe Recht zukommen, sie sind Wesen die den Speziesismus dem sie unterliegen nicht eigenstaendig verstehen koennen, dennoch muessen die allgemeinen Rechte auch fuer sie gelten. Anders als Menschen haben andere Tierarten durch ihr speziesistisches Verhalten aber nicht die Faehigkeit so verheerenden Schaden anzurichten, zumindest unter natuerlichen Bedingungen (in der Folge eines ungewoehnlichen Eingriffes durch den Menschen natuerlich schon).

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Was Maschinen niemals koennen werden …

Thu, 13 May 2010 19:54:50 +0000

Es regt mich ja immer wieder auf, wenn Leute voellig unreflektiert behaupten, irgendetwas bliebe der Wissenschaft jetzt und fuer immer versperrt, und es gaebe Dinge, die wuerde man niemals verstehen und vor allem niemals nachmachen koennen. Als Argument, um sein Weltbild und dessen Praemissen (zum Beispiel dass Leben, der Mensch, Liebe, etc. etwas besonderes ist) zu rechtfertigen, kann ich es ja gerade noch verstehen, obgleich ich eine Geisteshaltung, die nur auf dem Glauben der jetzigen und kuenftigen Unkenntnis und Unerkennbarkeit basiert, nicht besonders sinnvoll finde. Als wissenschaftlich-pragmatisches Argument um die Forschung auf andere Bahnen zu lenken sollte doch die Erfahrung bereits gezeigt haben, dass es sich hier um keine gute Einstellung handelt.

Es gab Zeiten, da glaubte man, ein Computer koenne niemals so gut Schach spielen wie ein Mensch, moderne Schachcomputer sind aber eigentlich doch ziemlich gut. Es gab Zeiten, da dachte man genauso ueber das Erkennen von Gesichtszuegen und deren Emotionen, und Strukturerkennung.

Nun, und man ist weitlaeufig, soweit ich das mitbekommen habe, der Meinung, es sei niemals moeglich, dass kuenstliche Wesen sich selbst, ohne menschliches Zutun reproduzieren.

Ich halte dies allerdings durchaus fuer moeglich, denn zumindest die Einzelteile dafuer sind vorhanden, sie muessen nur zusammengebaut werden. Projekte, die in diese Richtung gehen, gibt es viele. Aber das ist teuer, braucht dennoch Entwicklungszeit, und ist nicht von Interesse – warum sollte man so etwas wollen?

Unrelatedly habe ich aber diesen Artikel auf Slashdot gelesen. Hier werden DNA-Replikationsmechanismen zur Chiperzeugung genutzt. Das hat freilich mit autonomer Reproduktion recht wenig zu tun. Ich fand es trotzdem irgendwie passend zu dem Thema.

Dass man sich Dinge, die man in der Natur sieht, ausnutzt, um Maschinen zu verbessern, ist ja ein altes Prinzip. Speziell in der Informationstechnik in der man sich schon jetzt mit Datenmengen konfrontiert sieht die ein Mensch in seinem ganzen Leben nicht konsumieren kann wird die Notwendigkeit von Maschinen die einfach schlauer sind als die bisherigen Maschinen so stark sein, dass man kaum nachkommen wird.  Und so denke ich, wird es gerade hier frueher oder spaeter immer mehr darauf hinauslaufen, dass man Technik und Biologie vernetzt.

Kundenbewertungen und grosse Community-Projekte wie Wikipedia, die diversen Webcrawler und semantischen Indizierer, zeigen einen Trend hin zu einem kollektiven Bewusstsein. Die kleinen Tweaks, die man heute unter Augmented Reality zusammenfasst, und die wohl mit den modernen kleinen Gadgets und deren Verbreitung ihre Bluetezeit demnaechst noch erleben werden, zeigen einen Trend hin dazu, von diesem kollektiven Bewusstsein ohne grossen Overhead gebrauch machen zu koennen.

Freilich sieht der Unterschied zum Borg-Kollektiv noch ziemlich gross aus. Doch zumindest fuer mich macht es am Ende keinen allzu grossen Unterschied, ob man in die Augmented Reality per Okularimplantat kommt, oder den Umweg ueber die vorhandene Netzhaut nimmt. Vor Allem ist der Schritt ein garnicht so grosser.

Umgekehrt halte ich es durchaus fuer plausibel, dass man Teile von Gehirnen zuechten koennte, um mit ihnen effizient Berechnungen durchfuehren zu koennen. Zumindest halte ich solche biologischen Rechner erstmal fuer realistischer als Quantencomputer.

Interessant hierbei sind die philosophischen Konsequenzen, die sich daraus ergeben. Schon jetzt faellt es mir persoenlich eher schwer, einen intrinsischen Sinn in der Existenz der Menschen zu sehen. Vor Allem sehe ich haeufig Postulate von Wegen guter oder schlechter Dinge fuer unsere Gesellschaft, ich frage mich jedoch oefters, was sind denn eigentlich die Ziele unserer Gesellschaft. Aus der „Zufriedenheit Aller“ wird mit wenig Argumentation schnell eine „Zufriedenheit Aller, die dazu nichts unrechtmaessiges benoetigen“, woraus wiederum die Frage nach der Rechtmaessigkeit resultiert, die wiederum zum Anfang fuehrt – was sind die Ziele unserer Gesellschaft. In Diskussionen hoere ich bisweilen von Preisen des Fortschritts und der Frage ob diese gerechtfertigt sind. Gerechtfertigt sind sie zumindest dann, wenn das Ziel unserer Gesellschaft der technische Fortschritt ist. Wenn nicht, muss man sich nach dem Ziel fragen.

Unabhaengig davon, welches nun das genaue Ziel ist, bleibt stets die Frage, ob man dieses Ziel auch erreicht, wenn man dafuer gebauten Maschinen die Arbeit ueberlaesst. Wenn man sie immer groessere Teile dessen tun laesst, was zum Ziel unserer Gesellschaft fuehrt, nur dass nicht mehr unsere Gesellschaft sondern die Maschinen es tun. Schon jetzt koennen wir zum Beispiel mehr Nahrung produzieren als wir benoetigen (der Welthunger ist schliesslich ein Verteilungsproblem, kein Produktionsproblem), und das mit vergleichsweise wejnig menschlicher Arbeit. Es ist wohl eher naiv anzunehmen, dass dieser Trend sich nicht fortsetzt. Menschen werden also weniger arbeiten muessen. Sicherlich werden auch irgendwann kuenstlerische Faehigkeiuten kuenstlich erzeugt werden koennen. Die Existenz von Menschen wuerde also nur noch der gelegentlichen Pflege von Maschinen dienen.

Nun, zumindest fuer mich ist das keine Utopie sondern eine einfache Extrapolation des aktuellen Entwicklungsstandes. Aber selbst wenn nicht, halte ich die Frage durchaus fuer berechtigt. Eine Antwort der Form „es wird Dinge geben, die Maschinen niemals koennen werden“ wuerde zu einem Weltbild fuehren das ich ablehne, weil es annimmt, der Mensch sei etwas besonderes aufgruynd seiner Unfaehigkeit sich selbst nachzubauen.


Atheismus ist

Tue, 11 May 2010 10:02:32 +0000

Ja, was ist Atheismus eigentlich? Laut Wikipedia handelt es sich um „die weltanschauliche Grundauffassung, dass es keinen Gott gibt, und andere Abgrenzungen vom Glauben an Gott. Hierzu gehören Ansichten, nach denen es Gott oder Götter definitiv nicht geben kann, andere Ansichten, nach denen es sie sehr wahrscheinlich nicht gibt, und agnostizistische Ansichten, nach welchen man nichts über sie wissen kann“. Würde auch meinem Verständnis des Wortes entsprechen.

Somit ist Atheismus also ein Gegensatz zum Theismus, und wird damit eine grobe Klasse von Weltanschauungen die im Grunde miteinander nichts zu tun haben. Trotzdem vereinnahmen eine ganze Menge von Menschen den Begriff „Atheismus“ mit einem gewissen Stolz, was etwas ist, was ich persönlich nicht verstehe. Hier mal meine Meinungen zu einigen Argumenten von, für und gegen Atheisten.

Atheismus ist keine Religion

Ja. Genausowenig wie Theismus eine Religion ist. Atheismus und Theismus sind grobe Einteilungen von Weltanschauungen, die an sich wenig aussagen.

Der Begriff „Religion“ bezeichnet für mich persönlich die starke Überzeugung von einer Weltanschauung. Nach dieser Definition ist jeder Mensch, der bereit ist, für seine Weltanschauung einzutreten, zu kämpfen und zu sterben, bereits religiös.

Definiert man den Begriff „Religion“ als Götterverehrung, also als „Theistische Weltanschauung“, ist die Aussage, Atheismus sei keine Religion, eine Tautologie.

Definiert man „Religion“ – wie es oft von Fundi-Atheisten getan wird – als das unreflektierte Akzeptieren von nicht notwendig gesicherten Fakten, so ist die Aussage aber schlichtweg falsch. Atheismus bezeichnet das Fehlen des Glaubens an einen Gott. Spiritualität und der Glaube an „höhere“ Kräfte, die Wissenschaftlich nicht erklärbar sind, werden dadurch nicht eingeschlossen.

Atheismus ist nichts

In der Tat. Atheismus ist „nichts“. Atheismus ist das axiomatische Vorhandensein oder die Ableitbarkeit der Nichtexistenz oder Nichterfassbarkeit von Göttern (genaugenommen nach der sehr freien Wikipedia-Definition sogar lediglich das axiomatische Vorhandensein oder die Ableitbarkeit der Nichtableitbarkeit von essenziellen Aussagen über Götter). Das an sich ist ziemlich Leer, es sagt eigentlich garnichts aus. Atheismus ist nichts worüber man wirklich diskutieren kann, denn es gibt die verschiedensten Motivationen und Gegenmotivationen dazu.

Ein Drittel der Bevölkerung ist atheistisch

Noch viel mehr, denke ich. Aber der Quizsender-Konsumierende Horoskopatheist ist meiner Meinung nach nicht unbedingt ein gutes Aushängeschild. Mit diesem Argument versuchen offenbar einige atheistische Vereinigungen, ihre Position zu verbessern. Nun, ich bin der Meinung, wenn eine Million Menschen etwas dummes sagt, ist es immernoch etwas dummes, nur dass man es dann als „Meinung“ respektieren muss. Damit will ich nicht sagen, dass atheistische Gesinnungen dumm seien, sondern lediglich, dass die Tatsache, dass viele Menschen einer Gesinnung angehören, nichts über diese Gesinnung aussagt. Insbesondere, da Atheismus ein Oberbegriff für so viel ist.

Einige der grausamsten Regimes waren (a)theistisch

Stimmt auch. Ist aber ebenfalls eine leere Aussage, und kein Argument für irgendetwas. Man kann sich freilich fragen, ob eine (a)theistische Gesellschaft Bestand haben kann, und wie gut es deren Bevölkerung geht. Da gibt es zum Beispiel das Argument, dass in atheistischen Gesellschaftsformen das Durchsetzen verbindlicher moralischer Standards schwierig bis unmöglich ist, weil es keine allmächtige Kontrollinstanz in den Hinterköpfen der Bewohner gibt. Gleichermaßen kann man aber in einer Theistischen Gesellschaft auf dieselbe Weise Gehorsam erzwingen, der ins Negative übergeht. Die negativen Auswirkungen beider Arten sind schon vorgekommen. Hier ist zwar ein Diskussionsansatz, aber historische Argumente dieser Art führen zu nichts.

Wir brauchen einen Evolutionstag

Nein! Drei der neun bundesweiten Feiertage haben keinen religiösen Ursprung. Man kann nun darüber streiten, ob die christliche Benennung der anderen Feiertage in irgendeiner Weise diskriminierend ist. Meine Meinung dazu ist, Feiertage sind aus historischen Gründen so benannt wie sie benannt sind, und historisch gesehen ist Deutschland nunmal stark christlich geprägt – aber darüber kann man diskutieren. Die Einführung eines Evolutionstages allerdings würde implizieren, dass ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung an Evolution glaubt, was implizieren würde, dass ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung überhaupt weiß, was Evolution genau ist, und dass dieser Teil sich außerdem noch dafür interessiert. Das wage ich zu bezweifeln. Die meisten Atheisten sind meines Erachtens Gleichgültigkeitsatheisten (was nicht heißen soll, dass die nichtatheistische kirchensteuerzahlende Bevölkerung sich erheblich mehr für ihre Weltanschauung interessiert).

Nur eine theistische Weltanschauung kann dem Leben einen Sinn geben

Viele theistische Weltanschauungen erzeugen Dogmen. Nicht hinterfragbare Dogmen, die irgendetwas einen Sinn zusprechen, können dem Leben einen Sinn geben. Ich persönlich bin sogar der Meinung, dass die Frage nach dem Sinn des Lebens nur durch Dogmen gelöst werden kann. Aber Dogmen kann auch eine atheistische Weltanschauung erzeugen. Damit auch einen Sinn des Lebens.

Die Trennung von Kirche und Staat ist wichtig und geht nicht weit genug

Man kann nicht leugnen, dass die Trennung von Kirche und Staat eine Errungenschaft der Neuzeit war, die man erhalten sollte, und nicht rückgängig machen sollte. Und man kann nicht leugnen, dass der Einfluss von religiösen Weltanschauungen auch heute noch ziemlich stark ist – Parteien die sich explizit christlich nennen, Pastoren in Ethik-Kommissionen, etc. Aber Politik ist auch dafür da, die Moralvorstellungen der Gesellschaft durchzusetzen. Und wenn diese mehrheitlich christlich oder sonst irgendwie theistisch sind, dann muss die Politik dies durchsetzen. Dass dann häufig seltsame bis sinnlose Beweggründe auftreten, ist klar.

Trotzdem glaube zumindest ich, die Trennung geht weit genug. An einigen Stellen kann man sie durchaus verbessern, zum Beispiel Bearbeitungsgebühren abschaffen beim Austreten aus einer Kirche, die ja selbst von christlichen Personen teils abgelehnt wird, möglicherweise auch verfassungswidrig sind, aber doch im Endeffekt eine Kleinigkeit. Die Gefahren für unsere Freiheit sehe ich da eher in den modernen Freiheitsaposteln, den Humanisten, aber vor Allem im Lobbyismus. Ich würde mir generell weniger unreflektierte Weltanschauung in der Politik wünschen.

Theisten können nicht frei denken

Es handelt sich hier um ein grundsätzliches Missverständnis, das jeden Theisten zum Fundamentalisten degradiert. Es kann durchaus die Weltanschauung eines Menschen sein, dass gottähnliche Wesen existieren, und er kann trotzdem frei denken. Die Auffassung, dass beispielsweise Angehörige der Weltreligionen den betreffenden Glaubensbüchern und nur diesen unterlegen seien, ist schlichtweg falsch. Selbst und gerade im wohl zweit-verhasstesten Beispiel, dem Katholizismus, ist dies eben gerade nicht so. Deshalb wird der Katholizismus sowohl von Fundamenalisten als auch von Antitheisten vehement abgelehnt. Der Katholizismus basiert sich auch auf sehr vielen Konzilsbeschlüssen, die weit über die Grenzen der Bibel hinausgehen. Alleine dass das Internet einen Schutzpatron kriegen soll, zeigt dies ziemlich deutlich. Freilich handelt es sich bei Konzilsbeschlüssen wiederum nicht um freies Denken, sondern um Entscheidungen „von oben“. Evangelische Bewegungen sind hier freizügiger – es mag Übereinkünfte geben und auch Kirchenverfassungen, diese sind aber eher offene Standards, die meist nur im Sinne der Gemeinsamkeit eingeführt werden.

Atheismus ist schuld am modernen Werteverfall

Der Verfall alter Werte und das Ersetzen durch neue Werte ist üblich, normal, und wohl das Einzige was sich wirklich über die Generationen hinweg erhalten hat. Der Atheismus selbst ist nicht schuld am modernen Werteverfall, sondern ein Teil des modernen Werteverfalls. Welche Wertsysteme dominant sind ist wohl ähnlichen Gesetzen wie Modetrends unterworfen.

Jeder Konservative sollte sich fragen, was seine konservative Weltanschauung hervorgebracht hat, und warum es Menschen gibt die sie ablehnen, und sich erst dann über Welten voller Unmoral beschweren. Obrigkeitsdenken, formalisierte Gerechtigkeit, Keuschheit, Fleiß und bürgerliche Kulturpflege haben zumindest den zweifachen kriegerischen Einsatz von Atombomben, die Zerstörung des Weltklimas und den Welthunger nicht verhindern können, wenn nicht sogar mit ausgelöst.

Problematisch finde ich nicht den Verfall alter Werte, problematisch finde ich eher, dass sich mir der Eindruck aufzwingt, dass zwar alte Werte fallengelassen werden, aber keine neuen verbindlichen Werte allgemeinen Konsens finden. Klarerweise versteckt man sich als Mensch der keinerlei Interesse am Aufbau einer modernen Werteordnung hat, aber gleichzeitig die Vorteile der Freiheit von alten Werten genießen will, am Besten hinter dem Atheismus, dies ist in der Tat einfacher als sich hinter einer theistischen Weltanschauung zu verstecken – was nicht unbedingt unverwandt damit ist, dass Atheismus im Grunde ein leerer Begriff ist, der nur künstlich von wenigen atheistischen Weltanschauungen für sich alleine beansprucht wird. Das ist aber ein rein konzeptueller Fehler. Gerade von überzeugten Atheisten kommen aber oft Innovationen für das Wertesystem.

Conclusio

Mich persönlich nervt (ja, inzwischen nervt es!), dass die Humanisten den Atheismus für sich beanspruchen. Auf der Webpräsenz der Jungen Atheisten liest man zum Beispiel gleich am Anfang etwas von einer zentralen „Nachwuchsorganisation der atheistischen/humanistischen Verbände“ – und deren Slogan lautet „JA zur Vernunft“ (ein toller Sparwitz, da „JA“ das Akronym für „Junge Atheisten“ ist).

Ein anderes Beispiel ist die Buskampagne, auf deren Webpräsenz man momentan lesen kann, wie schlimm es sei, dass „Hitler und Stalin mit allen Nichtgläubigen in einen moralischen Topf“ geworfen werden. Hitler, der die Kirchen benutzt hat, aber selbst keine religiösen Interessen verfolgte, und Stalin, waren beide atheisten. Wenn man sich selbst als „Atheistische Buskampagne“ sieht, die für Atheismus wirbt, muss man allerdings damit leben, dass man damit auch für solche Menschen wirbt, und sich damit auseinandersetzen. Hätten sie sich „Humanistische Buskampagne“ genannt, könnte ich das geseusel, mit anderen Weltanschauungen in einen Topf geworfen zu werden, verstehen.

Es geht auch anders. So wenig ich ansonsten von ihr auch halten mag, aber die Giordano Bruno Stiftung beschreibt sich wenigstens explizit als humanistische Vereinigung. Damit geben sie auch wenigstens eine Chance auf Gegenpositionen. Ich persönlich halte nämlich wenig bis nichts von Humanismus, Dementsprechendes halte ich von der Giordano Bruno Stiftung. Aber sie kann sich dabei nicht hinter dem allgemeinen und daher kaum angreifbaren Begriff des Atheismus verstecken, und ich kann sie nicht mit Hitler und Stalin in einen Topf werfen.


Warum die Politik mehr Interesse an Netzkompetenz zeigen sollte

Fri, 30 Apr 2010 13:51:50 +0000

Würde ich irgendeinem Fremden auf der Straße meine EC-Karten-PIN sagen? Oder ihm meine Adresse geben? Ihm private Dinge anvertrauen? Oder mich vor ihm ausziehen?

Irgendwie glaube ich, die meisten Leute würden diese Frage trivialerweise mit einem „Nein“ beantworten. Mich wundert es deshalb immer wieder, wieso solche Dinge, die eigentlich jedem klar sein sollten, im Internet so oft keine Anwendung finden.

Alleine die Tatsache, dass Phishing-Mails nach wie vor als „Gefahr“ angesehen werden, obwohl auf den Formularen zum Online-Banking mehrfach dick und fett zu lesen ist, „wir werden Sie niemals zur Angabe ihrer Pin auffordern“.

Nun gibt es wie im RL auch im Internet einen Haufen perverser Leute. Da aber die Meisten ihren gesunden Menschenverstand im Internet offenbar ausschalten, haben Erstgenannte es dort freilich erheblich leichter. Und so kommt es, dass man so schockierende Meldungen liest wie „Mädchen mussten sich ausziehen„.

Als ich die Schlagzeile las dachte ich eigentlich erst an irgendeinen neuen Missbrauchsfall in irgendeiner größeren Einrichtung, von denen ja momentan häufiger berichtet wird. In Wirklichkeit handelt es sich aber um einen Vierunddreißigjährigen der sich als pubertären Jungen ausgegeben hat, und Mädchen online dazu aufgefordert hat, sich vor ihrer Webcam auszuziehen.

Vorweg: Ich bin froh dass sie so jemanden geschnappt haben, dieses Verhalten ist unmoralisch, und soll bestraft werden. Trotzdem will ich – mal ganz ohne moralische Wertung – ein paar Dinge anmerken.

Zum einen, dieser Mensch war offenbar weniger schlau, denn hätte er es dabei belassen, dass sich die Mädels vor ihm ausziehen, wäre er wohl kaum aufgeflogen, laut dem ksta-Artikel ist er dadurch aufgeflogen dass er die Mädels danach erpresst hat, weitere unanständige Dinge zu tun, da er ansonsten ihre Nacktbilder weiterverwenden würde. Warum er nicht einfach auf die zahlreichen Pornoportale zurückgegriffen hat, in der Exhibitionisten ihren Spaß haben können, frage ich mich.

Die Mädels waren aber offenbar auch nicht unbedingt mit Verstand gesegnet. Denn anders als die Schlagzeile es sugeriert, „mussten“ die Mädchen sich laut dem Artikel keineswegs ausziehen, sie haben es freiwillig getan. Ich frage mich, was jemanden dazu bewegt, sich vor einer fremden Person auszuziehen, durch einen offenbar unidirektionalen Sichtkanal. Dass zwei Jugendliche über einen Videokanal chatten und sich beide ob der Befriedigung entkleiden, was man meines Wissens als Sexting bezeichnet, nun, das finde ich zwar durchaus auch bedenklich (unverschlüsselte Videoprotokolle, MITMs, Computerviren, etc.), aber es ist beidseitig. Sich vor einer Person zu der man keinen Sichtkontakt hat auszuziehen, das ist wiederum – entschuldigung – einfach nur dumm.

Als hormongeplagter pubertärer Jugendlicher setzt aber vielleicht der Verstand an der Stelle manchmal aus. Das ist verständlich. Das sollten aber die Eltern betreffender Personen schlichtweg wissen. Und dementsprechend ihre Kinder aufklären. Ich glaube nicht, dass es zu viel verlangt ist, seinem Kind zu erklären, es möge bitte NIEMALS Nacktbilder von sich in irgendeiner Weise im Internet versenden, denn was hochgeladen wird, kann sehr schnell und ohne dass man es merkt in falsche Hände geraten, und was einmal im Internet ist, verschwindet von dort auch nicht mehr so einfach. Zumindest das wollen die meisten Jugendlichen wohl kaum.

Genauso sind hier die Schulen gefragt. Verständnis für Internettechnologien ist hier gefragt. Es gibt genügend Beispiele, und genügend Möglichkeiten, den Leuten zu erklären, wie unsicher eine unverschlüsselte Verbindung ist, und wie leicht es ist, im Internet Identitäten zu fälschen. Und wie schwer und warum es schwer ist, etwas, was einmal im Netz steht, da wieder rauszukriegen.

Klar, man kann durch entsprechende Gesetze versuchen, das Netz möglichst weit zu zensieren, und möglichst viele Täter fassen. Aber das Netz ist groß. Zu groß, als dass es technisch möglich wäre, mit bloßer Technik gegen solche Probleme vorzugehen.


Warum ich kein Pragmatiker bin

Sat, 24 Apr 2010 00:14:52 +0000

Die Pragmatiker haben die Oberhand, so scheint es. In der Politik, der Wirtschaft, der Softwareentwicklung, dem Ingenieurswesen, überall hört man von Praxisorientiertheit, von der Praxis™, und, gerade wenn man sich als Mathematiker fühlt, davon, wie sinnlos die Theoretiker sind, die keine Ahnung davon haben, worauf es wirklich ankommt.

So kommt es, dass ich mir von einem Fachinformatiker sagen lassen muss, dass ich in meinem Informatikstudium nichts sinnvolles lerne – obgleich ich in der Universitäts-Informatik prinzipiell dasselbe lerne, was ein Fachinformatiker lernt, und unzählige zusätzliche Dinge, die er nicht lernt, und deren Sinn er somit nicht beurteilen kann, und ansonsten der hauptsächliche Unterschied eine Verlagerung der Schwerpunkte ist. Ich muss mir anhören, ich würde nur funktionale Programmierung lernen, die ja so sinnlos sei und in der Praxis™ keinerlei Relevanz hat und je haben wird, da de facto alle wichtigen Softwareprojekte die kommerziell relevant sind in C++ geschrieben sind. Dass C++ sich im Laufe der Zeit einiges aus der Ecke der funktionalen Sprachen abgeschaut hat, und generell theoretische Erkenntnisse einflossen, was auch pragmatisch gesehen die Forschung an funktionalen Sprachen rechtfertigt, sei mal ungeachtet, denn darauf will ich garnicht hinaus.

Nein, worauf ich hinaus will ist, dass mir die ganzen Pragmatiker inzwischen generell wahnsinnig auf den Senkel gehen, weil in dem, was man als Pragmatik ansieht, eigentlich der Ursprung vieler schlechter Entwicklungen steckt. Wie immer bei solchen Posts von mir, erstmal die Definition von Wikipedia:

„Der Ausdruck Pragmatismus (von griech. pragma „Handlung“, „Sache“) bezeichnet umgangssprachlich ein Verhalten oder Handlungen, die sich nach den bekannten Gegebenheiten richten und auf eine theoretische Analyse und genaue Begründung der Wirkungen verzichtet. Pragmatisches Handeln ist nicht an unveränderliche Prinzipien gebunden.“

Nun, das klingt nach einer ganz guten Definition. Ich persönlich würe es rein Betonungstechnisch sogar eher so ausdrücken, dass Pragmatismus das Arbeiten mit den Gegebenheiten, ohne ein Interesse einer Veränderung oder Verbesserung, ist. Und diese Form der Arbeit ist die sinnloseste überhaupt – jede Arbeit hat in der Regel im Sinn, eine Verbesserung in irgendeiner Weise herbeizurufen, und sei es nur, den Verfall etablierter Strukturen zu verhindern. Dies setzt ein grundsätzliches Interesse an der Arbeit die man erledigt voraus, und ich persönlich könnte nur schwer an irgendetwas arbeiten, was mich in keiner Weise interessiert.

Selbstverständlich muss nicht jeder in jeder Beziehung ein großes, tiefgründiges Interesse einer Verbesserung haben. Ein Webdesigner darf meinetwegen Flash verwenden, eine Büroangestellte muss die Office-Lösung verwenden, die sie vorgesetzt bekommt.

Hier komme ich aber gleich zum ersten Beispiel, das ich für falschen Pragmatismus anbringen will: Ich hatte bereits Gesprächspartner, die meinten, sie würden grundsätzlich nur Microsoft Office verwenden. Microsoft Office sei ein de-facto-Standard, und jeder, der sinnvoll am Geschäftsleben teilnehmen will, muss eben erstmal in Microsoft Office investieren, weil es schlichtweg zu dem Gehört, was man grundsätzlich benötigt. Und ich gebe zu, würde ich ein Unternehmen gründen, ich würde mir wohl auch einen Windows-Rechner mit einem Microsoft Office irgendwo hinstellen. Einfach, weil ich dann ein kleines Unternehmen wäre, das zumindest die Möglichkeit haben sollte, doc-Dateien richtig zu lesen. Andererseits würde ich von meinen Sekretärinnen erwarten, dass sie mit einem anderen System, am Besten LaTeX, schlimmstenfalls aber OpenOffice, zurechtkommen.

Man mag mir an dieser Stelle entgegnen, dass das keine Schlüsselqualifikation einer Sekretärin sei – schließlich könne sich nicht jeder mit der tiefgreifenderen Technik auskennen, und es müsse reichen, dass Sekretärinnen Arbeitsprozesse auswendig gelernt haben, die auf diese Weise nur in den etablierten Office-Anwendungen funktionieren.

Dem kann ich nicht zustimmen. Office-Anwendungen sind Handwerkszeug von Sekretärinnen. Freilich sind sie in erster Linie Nutzer, aber zumindest so gut, dass man einen Umstieg auf ein vergleichbares Produkt ohne größere Probleme autonom hinbekommt, sollte man sein Handwerk beherrschen.

Hier ist jedenfalls Pragmatismus komplett falsch, weil er ein Monopol erzeugt, und unzählige Unternehmen abhängig von Einem macht. Vor Allem wenn der Pragmatismus sich in die Ausbildung auswirkt, womit ich beim nächsten Punkt wäre: Der Pragmatismus in der Ausbildungspolitik.

Mehr Praxisbezug, mehr Nähe zu den Unternehmen, ich kanns manchmal nicht mehr hören … ständig hört man solchen Müll. Die Akademische Welt hat ihre Berechtigung, auch ohne Wirtschaft, auch wenn man ihr dies gerne absprechen würde. Grundlagenforschung brachte bereits mehr als Einmal wichtige Erkenntnisse. Das große Problem des Pragmatismus ist hier, dass er möglicherweise dafür sorgt dass man sehr viel was sehr lange nichts bringt nicht durchführt, nur leider gibt es gerade für die Dinge, die die Welt wirklich voranbringen, keinen Detektor, keine Garantie, keine Methode, sie zu finden. Wenn man revidiert wie viele Erkenntnisse sich ergeben haben, ist die Frage, ob die allzu pragmatische Sicht sinnvoll ist – sie garantiert kurzfristige Gewinnmaximierung, mehr auch nicht.

Wirtschaftlicher Pragmatismus – etwas, das ich zum politischen Pragmatismus zähle. Da gab es zum Beispiel die Politiker die meinen, eine Stimme für die Piratenpartei wäre eine Stimme für den Gulli, da diese die 5%-Hürde ohnehin nicht erreicht hätte. Mit dieser Argumentation hätte man noch vor garnicht so langer Zeit gegen die Grünen argumentieren können. Mit dieser Argumentation hätte man generell gegen jede Auflehnung gegen ein Establishment argumentieren können. Klar behalten die Pragmatiker nicht selten tatsächlich Recht mit der Aussage, eine kleine Bewegung setzt sich nicht durch. Die Frage ist nur, ob es sich nicht dennoch lohnt, sie zu unterstützen? Immerhin ist auch dies die einzige Möglichkeit, die Welt relevant zu verändern. Die Welt wird eben nicht von etablierten Mainstream-Ansichten verändert.

Die Struktur all dieser Beispiele ist ungefähr die Gleiche: Pragmatismus schließt große Veränderungen aus. Bisweilen sind aber große Veränderungen notwendig um ein System zu verbessern.

Ich sage nicht, dass Pragmatismus generell schlecht ist. Auch ich bin bisweilen pragmatisch, in kleinen Dosen. Generell bin ich aber eher idealistisch. Ich habe mir das pragmatische Denken mühsam antrainieren müssen, aber ich beherrsche es inzwischen denke ich ganz gut – teils zu gut, denn viele Menschen, die sich selbst als Pragmatiker sehen, haben subtil selbst Ideologien.

Pragmatismus vs. Ideologie sind zwei entgegengesetzte Haltungen. Man benötigt beide in einem entsprechenden ausgeglichenen Maß. Aber eben auch wirklich beide – das darf man nicht vergessen.


Warum ich benachteiligten Personen ungerne meinen Sitzplatz anbiete

Sun, 11 Apr 2010 20:15:49 +0000

Ein Grund, warum ich Soziale Protokolle nicht mag ist, dass sie teilweise Widersprüchlich sind. Es gibt jede Menge Beispiele dafür. Eines davon will ich hier mal darlegen, nämlich die Konvention, benachteiligten Personen Sitzplätze in den öffentlichen Verkehrsmitteln anzubieten.

Theoretisch gibt es keinen Grund dass eine Person die einen triftigen Grund hat sich hinzusetzen dies nicht auch äußern kann. Ich weiß, dass ich so nach einer Operation, wo ich selbst mal in der Lage war, mich setzen zu wollen, weil ich nicht gut stehen konnte, verfahren bin. Und eigentlich sollte das auch kein Problem sein.

Nun will man die Welt aber freundlich und lieblich gestalten, und es kann ja sein, dass irgendjemand genervt ist, wenn er seinen Sitzplatz hergeben muss. Wenn er ihn „freiwillig“ hergibt, ist das zwar genauso – es nervt mich, wenn ich aufstehen muss aus moralischer Verpflichtung – aber freilich fühlt sich die betreffende Person noch schlechter, wenn sie mich erst fragen musste. Wenn stattdessen jeder Sitzende ein wenig umsichtig ist, haben wir kein Problem.

Soweit die Theorie. Die Praxis sieht eher so aus, dass es Leute gibt, die sich garnicht setzen wollen, und teils sogar eher eingeschnappt sind, wenn man ihnen den Platz anbietet. Wenn ich einer jungen Frau meinen Platz anbiete, weil ich denke, dass sie schwanger ist, obwohl sie es nicht ist, dann ist das ein Problem. Wenn ich einem Fünfzigjährigen meinen Platz anbiete und ihn somit konfrontiere mit der tatsache dass er wie siebzig aussieht, ist das ebenfalls ein Problem.

Hinzu kommt dass bestimmte benachteiligte Personen wie Blinde sich teils garnicht setzen wollen, obwohl man es ihnen anbietet. Und das kann ich auch verstehen – es liegt immer wieder mal ein halbgegessener apfel oder irgendwelche Sabbertücher von Kindern auf den Sitzen. Als Sehender kann man diese Sitze umgehen. Als Blinder wird man wohl entweder das Risiko eingehen müssen, sich auf so etwas zu setzen, oder aber, man muss den Stuhl vorher befühlen – und riskiert, seine Hand im vergammelten Hamburgerrest zu haben. Ich würde mir da zweimal überlegen, ob ich mich setzen will, wenn ich keinen Begleiter habe.

Ja, die Zustände in den öffentlichen Verkehrsmitteln sind oft nicht appetitlich. Umso unangenehmer wird es, wenn sich soziale Spannungen in dem eh schon ungewöhnlich engen Raum aufbauen.

Deshalb denke ich, es ist sinnvoller, wenn die Benachteiligten fragen. Für mich ist es selbstverständlich, Leuten die ein berechtigtes Interesse an einem Sitzplatz haben den Meinigen zu überlassen. Für die meisten Anderen auch. Es mag für den Benachteiligten etwas mehr Überwindung kosten, aber wenigstens fuktioniert das soziale Protokoll so einigermaßen.


Karfreitagsblogpost 2- Karfreitag für Atheisten

Fri, 02 Apr 2010 15:58:23 +0000

Karfreitag. Ein Feiertag an dem Christen eigentlich über die Kreuzigung von Jesus trauern. Die meisten Leute werden sich – wie bei den meisten freien Tagen – wohl einfach über einen Feiertag freuen.

Nun gibt es aber die armen Fundi-Atheisten, die sich so gerne einen atheistischen Feiertag wünschen, und wahrscheinlich garnicht damit aufhören können, sich heute zu ärgern.

Nun, wie ich immer sage, christliche Feiertage sind im Wesentlichen aus historischen Gründen christlich motiviert. Unsere Kultur ist stark christlich geprägt, daran ändert noch so viel Populismus nichts. Und auch wenn dies sicher  nicht immer positiv gewesen ist, es war auch sicher nicht immer negativ.

Sich an den Kreuzestod Jesu zu erinnern, nun, das mag dem Atheisten jetzt vielleicht nicht unbedingt besonders wichtig sein, zumal manch einer sogar bezweifelt dass Jesus überhaupt gekreuzigt wurde, etc. – was allerdings feststeht ist, dass sehr viele Menschen gekreuzigt wurden. Und was auch feststeht, ist, dass auch heute noch ziemlich viele Leute hingerichtet werden. Eigentlich eine recht sinnvolle Sache für einen Atheisten, Diesen an so einem Tag zu gedenken.

Und die Passionszeit, die an das Fasten Christi erinnern soll? Eine Zeit, in der man auf etwas verzichtet, was man normalerweise gerne hat. Natürlich ist diese Zeit nirgends festgeschrieben, aber auch diese Zeit ist historisch in unserer Kultur verankert. Es gibt keinen Grund, an dieser Tradition irgendetwas zu ändern. Und die Fastenzeit an sich ist etwas sehr sinnvolles. Sie kann dabei helfen, von Abhängigkeiten loszukommen – oder sich dieser bewusst zu werden. Oder einfach den Leuten zu gedenken, die es nicht so gut haben, wie man selbst.